BAZOOKA-TV!
Spätestens seit Heinrich Spoerls „Der Maulkorb“ weiß man ja, dass man im Fall schräger Affären zunächst stets darüber unterrichtet wird, worum es eigentlich nicht geht und wer es bestimmt nicht war! Also, – bei unserem Bazooka handelt es sich keineswegs um die legendäre US-Panzerfaust, die sich auch schon bei diversen, nichtstaatlichen Terror-Attentaten bewährt hatte! Nein, – so durchschlagskräftig ist Fernsehen nicht! Längst nicht mehr…
Titelspender ist vielmehr der gleichnamige Kaugummi, der den inzwischen soigniert-melierten Gentlemen, wie etwa dem „Rauchzeichner“, in ihrer allerersten Jugend gelegentlich über die Lippen gekommen war: Mit keinem Konkurrenz-‚Kautschi’ ließen sich auch nur annähernd so gewaltige Monster-Blasen erzeugen, wie mit dem seinerzeit selten zu ergatternden Bazooka! Schlimmstenfalls bedeckten dann – jeweils nach einem infernalischen Kraaawuummm – die pikigen Zuckerfetzen das gesamte Kindergesicht, – von der noch etwas undefinierten Kinnspitze bis zum noch buschigen Haaransatz. Etwa so ist Fernsehen heute: zerrissen, pergamentdünn, blaßrosa, quatschig quatschend, sklavisch ominösen Quoten-Blasen hinterherhoppelnd und, - meist auch ein bißchen klebrig…
Die heutigen ‚Formate’ hießen – in hechelnder Sprachinnovation konsequent nach unten nivelliert – bald Sendungen, Programme, Serien, Leisten, Schienen etc. und sind längst weltweit identisch und also auch zwanglos kompatibel: Surfboard-süchtige, sowie Lagen-Lager-Beer-betriebene Aussie-Kritzler kitzeln feuchte Piefke-Teenagerträume wach, britische Roaring-Sixties-Nostalgiker heizen russischen Halbstarken televisionär ein und gescheiterte, französische Romaciers hacken Sylvia-Roman-Plots für die Internationale der Friseusen-Azubis im Stakkato in ihre cool-summenden Notebooks. Die wahren Schreiberlinge-Top-Jobs fallen allerdings an Mehrfach-Repetenten im Fach ihrer Muttersprache und frühe Schulabbrecher! Deren statistischer Lieblingskommentarsatz anläßlich jedes x-beliebigen Schicksals-Lüfterls: „Die Nerven liegen blank!“ Mindestens 5 Mal pro ‚Format’! Sie haben die besten Chancen im Nabel aller Mediokrität zu landen, bei ‚Endemol’: Diese scheinbaren ‚Format’-Monopolisten schütten ihren ungenießbaren TV-Eintopf erbarmungslos über dem gesamten Globus aus! Unerbittliches Dauerfeuer der Vertrottelung, – Schwachsinn vom Fließband! Die Wöld is lei oans! Der nun endlich transmondialisierte Klon latscht in Turnpatschen der Marken Adidas oder Nike durch die internationalen PR-Spots, – wurscht, ob in der Glut der Sahara, im Frost der Pole oder an der Route 66. Labels make the world go round, stupid! Und auch die in alle Himmelsrichtungen zerstobenen drei Rest-Akkorde der ‚Weltmusik’ taugen allenfalls noch zur Persiflage ihrer Klassik-Geschichte. Der uralte Triple-S-Edel-Kalauer drängt sich auf:
Sokrates: To do is to be.
Sartre: To be is zo do.
Sinatra: Dobedobedo!
Selbst das antike Frauen-Idol der Venus von Milo ist zur trivialen ‚Catwalk-Challenge’ zwischen den Naomi Campbells und Heidi Klums (und ihren TV-SM-Sklavinnen) degeneriert. Und selbst das ‚must have’ der Computervernetzung bedeutet noch längst nicht, ‚networked’ zu sein! Denn wer in intellektuell unvernetzter PISA-Kenntnislosigkeit nicht weiß, wonach er suchen soll, findet selbst im ‚Weltwissen des Internets’ rein gar nichts. Nichts als kollektive Gehirn-Erosion allenfalls! Im synchronisiert treuherzigen Massen-Exhibitionismus auf Facebook, My Space und You Tube wird auch noch das letzte Fünkchen Individualismus gelöscht…
Immer öfter flüchtet sich der „Rauchzeichner“ ja in seine hochkonspirative Ein-Mann-Selbsthilfegruppe und blätterte zuletzt wieder einmal in Bertold Brecht’s Kalendergeschichten nach. Zu Form und Stoff etwa: Herr K. soll einen Lorbeerbaum zur Kugelform maniküren. So sehr er sich auch müht, schnipselt er doch immer wieder ein Stückchen zu viel weg. Als das Bäumchen schließlich dem geometrischen Imperativ genügt, moniert der Auftraggeber traurig: Nun gut, das ist eine Kugel, – aber wo ist der Lorbeer?
Es ist freilich ein Gebot der Humanität (und vor allem des Realitätssinns) dem Massenmedium Fernsehen Vergleiche mit Brecht’schem Esprit zu ersparen. Quoten-TV ist nun mal elektronisches Vorstadt-Varieté. Und das längst nicht nur wegen der phänotypischen Frau ohne Unterleib (hinter ihrem TV-futuristischen Anchorwoman-Arbeitsplatz), die bis ins 21. Jhd hinein die Nachrichten mit sprödem Meerjungfrauen-Touch vorzulesen hat! Den Herren der Neuigkeiten geht’s da übrigens nicht anders! Wobei die noch besser dran sind, denn deren Beine wollte sowieso nie einer sehen. In eine derartige Totale von der ‚Krönung der Schöpfung’ hätte schon im Wurstel-Prater des 19. Jhd. kein Aas auch nur einen Kreuzer investiert… Als prospektiver Star des Vaudeville hatte man gefälligst zwergwüchsig zu sein, einen Buckel à la Quasimodo zu haben oder zumindest an weltsingulärer Hodensack-Elefantiasis zu leiden… Tja, doch derlei Varieté-Sternstunden sind mit dem sauertöpfischen Stiftungsrat einfach nicht mehr zu wiederholen…
Zum Glück balgen sich aber sowieso die Massen ‚da draußen’ um ihren Wimpernschlag Ruhm! ["In the future everyone will be famous for 15 minutes." Andy Warhol, 1968] Begünstigt durch die abrupte Akkumulation von übermäßiger Tagesfreizeit infolge der explodierenden Arbeitslosigkeit, rennen die glücklos Entwurzelten den TV-Studios sämtliche Türen ein. Das Business mit den Hacknstaden vor der Kamera und vorm Bildschirm boomt wie nie: Kaum ein Programm ist noch billiger herzustellen, als die sozialen Peep-Show-Formate, und so werden für jeden x-beliebigen Alltags-Topfen willenlose Deppen gesucht, die ihrerseits wieder nach irgendetwas suchen! Etwa „Bauer sucht Frau“, „Deutschland sucht den Superstar“, „Die Talentsucher“ oder halt die aufreibende Suche nach dem Ausweg aus dem Privatkonkurs: „Raus aus den Schulden“. Ein gewisser Herr Zwegat führt dabei die in Not Geratenen mit gnadenlos-bestimmender Höflichkeit vor, - und daheim fallen sich ähnlich klamme Pärchen selig in die Arme: „Schau Schatzi, går aso im Oasch san ma do no net! Bussi, Schatzi, hol’ ma gach no a eiskalt’s Hülsl vom Wirtn!“
Mindestens ebenso populär sind die vorgeblichen ‚Coaching’-Formate: Etwa „Die Super-Nanny“, die restlos aus der Bahn geworfenen Hartz-IV-Couch-Potatoes eintrichtern soll, wie man seine garantiert irrtümlich in die Welt geworfene und sofort außer Rand und Band geratene Brut domestiziert. Kinderpsychologische Aspekte kognitiver Lernprozesse, wie etwa Albert Bandura’s „Lernen am Modell“ sind dabei allerdings in den seltensten Fällen angezeigt: Insbesondere wenn der von der ‚Besten aller möglichen Welten’ mitleidlos ausgespiene Papi schon so ziemlich alles in sich hineinkübelt, – außer dem seit Jahren abgelaufenen Abflußreiniger, vielleicht. Und Mami im Supermarkt klaut wie ein Rabe, weil die Kohle hinten und vorn nicht reicht. „Lernen am Modell“ wäre auch bei Onkel René und Tante Yvonne eher fatal: Der langzeitarbeitslose Oheim hat seinem Schatzi schon im Bahnhofsviertel mit einem Stückchen Tafelkreide ein Geschäft einrichten müssen. Da geh’st auf und ab, Alte! Doch auch die Lustspender-Spenden sind dieser Tage eher lausig, die Frequenz ist krisenbedingt dürftig – und schließlich ist Tante Yvonne auch nicht mehr die Jüngste. Und so ist dem Onkel René auch gar nichts anderes übrig geblieben, als sich ein paar ostslovakischen Jungs aus der Eck-Kneipe anzuschließen, die sich auf eine etwas volkstümlichere Variante des - in Pfeffersäcke-Kreisen so beliebten - ‚Cross Border Leasings’ spezialisiert haben: In den anthrazitfarbenen Roger-Staub-Mützen der Saison statten sie betuchteren Villen-Haushalten nächtliche Überraschungsbesuche ab. Und so kommen auch Onkel René, Tante Yvonne und die vier Rotznasen einigermaßen über die Runden. Naja, und in der Ostslovakei grenzt ja selbst der erbärmliche Hartz-IV-Lohn-Hohn noch an schieren Luxus! – Ob allerdings – angesichts dieses komprimierten sozialen Elends im reichen Europa - ausgerechnet die schlicht-resche „Super-Nanny“ prädestiniert ist, die menschliche Tragödie wieder ins Lot zu rücken? Naja, im Fernsehen funktioniert sowas ja immer…
Jene wiederum, die schon endgültig an der vermutlich schwäbischen Philister-Maxime „Bleib’ im Land und ernähre dich redlich“ gescheitert sind, finden in weiteren Loser-‚Formaten’ ihre neue Heimat: „Goodbye Deutschland – Die Auswanderer“ oder in flotter Klein’schreibe’ „auf und davon“. Die diebische Schadenfreude am seriensatten, schleichenden Ruin der Fahnenflüchtigen jagt die Kleinbürger-Quoten in lichte Höhen. Und weil kein Sender so schnell produzieren kann, wie die einmal angefixten Sich-Ins-Fäustchen-Lacher auf ihren abgewetzten Substandard-Kanapees nach neuem, noch härterem Stoff gieren, wurde der Geistesblitz Bazzoka-TV gezündet: Man kaut die ausgelutschte ‚Odyssee’ der Neo-Heimatlosen einfach immer und immer wieder. Schlicht immer weiter fort, bis zum Koma des allerletzten Zusehers! Redundanz statt Dramaturgie! Der offensichtliche Reibach: Neu-Dreh maximal 30%! Der traurige Rest wird aus sogenannten ‚Rückblicken’ zusammengeschustert! So kehrt das verwirrte Publikum wie in ‚Und ewig grüßt das Murmeltier’ immer wieder nach Bad Segeberg, Castrop-Rauxel und Co, wo ‚Die vehängnisvolle Affäre’ der Heimat-Fremdgänger ihren tragischen Ausgang genommen hatte, zurück! „Håm ma des net eh scho g’schaut’, Mausi?!“, rätseln die Hacknstadn bei Dosenbier & Chips. Beim Film heißt sowas zwar ‚Rückblende’, aber woher sollten die hauptberuflichen Hobby-Filmer des Privat-TV sowas denn auch wissen! Is åber a scho wurscht! Seither feiern jedenfalls die Produzenten dieser Soaps wieder ausgelassene Champagner-Feten: Denn die – zumindest im Zehnminuten-Rhythmus wiederkehrenden - ‚Rückblicke’ werden nicht einmal aus Restmaterial neu montiert, sondern knallhart als ordinäre ‚Klammerteile’ 1:1 in die aktuelle Folge eingesetzt! Kein Neudreh, kein Equipment, kein Redakteur, kein Kameramann, kein Assi, kein Ton, kein Schneideraum, kein Cutter, keine Mischung, kein… Ein Drittel Produktionskosten – volle Gage! Na, endlich! Die Quadratur des Kreises im Massen-TV! Und hat der dröge Auswanderer schlußendlich wenigstens im Scheitern obsiegt, wird er im sinnigen Anschluss-‚Format’ „Die Rückkehrer“ kautschukartig weiterverwurstet! Als absoluter Top-Mikroorganismus im aufgeblähten TV-Pansen darf allerdings ‚Stoneface’ und Model-Domina, das begehrte Bergisch-Gladbach-Heidi gelten, das gleich ganze, mehrstündige Folgen von ‚Germany’s Next Topmodel’ wiederkäut!
Und weil jede noch so übelriechende Gärkammer nach immer neuen Rejektionen (Hochwürgen in die Mundhöhle) lechzt, boomen schließlich auch noch die inflationären Tester-‚Formate’: „Rach – Der Restaurant-Tester“ etwa. Das ‚Drehbuch’ dazu paßt bequem auf einen Arbeitslosen-Fahrschein: Und weil ja alle nach irgendetwas suchen, sucht diesfalls halt eine Location-Crew den verwahrlosesten ‚Wirt’n zum pikerten Kochlöffel’. Sobald sich die hartgesottenen Vomitations-Scouts erst einmal magenstülpend ekeln, ist derselbe auch schon engagiert und auch gleich noch der erste Dreh fixiert. Dann kommt – wie Phönix aus der Asche – Herr Rach aus dem Titel – und alles wird wieder gut! TV à la Rosamunde Pilcher - von der Curry-Bude zur Hauben-Hütte! Wer’s glaubt, wird selig und wer’s nicht glaubt, - muß ja auch nicht zum Diner à la maison dorthin… Freilich sind die Lern- und Änderungswilligen am allerwenigsten gefragt! Gesucht ist vielmehr die Fraktion ‚Das haben wir immer schon genau so gemacht!’ Heißt doch der Götze all dieser Formate – Scheitern unter wohligem Schaudern! Sowas richtet die ‚Modernisierungsverlierer’ vor den Flachbildschirmen auf… Worin sollte das berühmt ‚Edukative’ im Privat-TV, wie im Öffentlich-Rechtlichen (den Unterschied möchte der „Rauchzeichner“ gern klavierspieln können), denn auch sonst liegen…
Ein Pendant zu Herrn Rach in einer verwandten Branche heißt Heinz Horrmann und ist der „Der Hotelinspektor“. Der soignierte, ältere Herr hat wohl auch schon bessere Zeiten gesehen. Tja, die Weltwirtschaftskrise macht halt vor keinem halt. In salbungsvollen Endlosschleifen läßt dieses ‚Format’ immer wieder durchblicken, dass Mr. Horrmann ja schon in den ‚besten Häusern der Welt’ als Tester zugange gewesen wäre…
Der ja selbst jahrzehntelang auch berufsreisende „Rauchzeichner“ läßt da einige der nobleren Herbergen Revue passieren: Das Borobudur in Djakarta, das Adelphi in Liverpool (dort steigt auch die Queen gern ab), das Hong Kong Peninsula, das Norfolk in Nairobi, das King David in Jerusalem, das Bangkok Mandarin Oriental und natürlich das Carlyle in New York. Letzteres galt seinerzeit als bestes Hotel auf dem amerikanischen Kontinent. Der damals noch wochenschauende „Rauchzeichner“ war einst mit dem ‚Sonnenkönig’ Bruno Kreisky dort abgestiegen. Tja, ein gewisses Faible für Klasse war dem ‚Alten’ ja nie abzusprechen…
Der bedauernswerte Herr Horrmann hingegen pendelt nun zwischen Ravens- und Flensburg, zwischen Paderborn und Salzwedel. Indigniert wischt er den Testerstaub von abgeblätterten Flurspiegeln, expediert globige Getränke-Kühlschränke aus muffigen Foyers, stolpert naserümpfend über verschlissene Auslegeware, schlüpft unter wuchernden Zimmerpflanzen in schlecht beleuchteten Gängen hindurch, blickt verdrossen in halbblinde Badspiegel, schüttelt sein schlohweißes Haupt über notorisch tropfende Wasserhähne und kann sich schier maßlos über die Absenz von Hauspantoffeln alterieren! Der gemeine Fußpilz, und so… Seinen televisionären Lebensabend hatte sich der ältere Herr wohl auch anders vorgestellt…
Tja, Fernsehen ist halt ka Hetz mehr. Das Programm-Machen nicht – und das Zuschauen schon gar nicht…
Titelspender ist vielmehr der gleichnamige Kaugummi, der den inzwischen soigniert-melierten Gentlemen, wie etwa dem „Rauchzeichner“, in ihrer allerersten Jugend gelegentlich über die Lippen gekommen war: Mit keinem Konkurrenz-‚Kautschi’ ließen sich auch nur annähernd so gewaltige Monster-Blasen erzeugen, wie mit dem seinerzeit selten zu ergatternden Bazooka! Schlimmstenfalls bedeckten dann – jeweils nach einem infernalischen Kraaawuummm – die pikigen Zuckerfetzen das gesamte Kindergesicht, – von der noch etwas undefinierten Kinnspitze bis zum noch buschigen Haaransatz. Etwa so ist Fernsehen heute: zerrissen, pergamentdünn, blaßrosa, quatschig quatschend, sklavisch ominösen Quoten-Blasen hinterherhoppelnd und, - meist auch ein bißchen klebrig…
Die heutigen ‚Formate’ hießen – in hechelnder Sprachinnovation konsequent nach unten nivelliert – bald Sendungen, Programme, Serien, Leisten, Schienen etc. und sind längst weltweit identisch und also auch zwanglos kompatibel: Surfboard-süchtige, sowie Lagen-Lager-Beer-betriebene Aussie-Kritzler kitzeln feuchte Piefke-Teenagerträume wach, britische Roaring-Sixties-Nostalgiker heizen russischen Halbstarken televisionär ein und gescheiterte, französische Romaciers hacken Sylvia-Roman-Plots für die Internationale der Friseusen-Azubis im Stakkato in ihre cool-summenden Notebooks. Die wahren Schreiberlinge-Top-Jobs fallen allerdings an Mehrfach-Repetenten im Fach ihrer Muttersprache und frühe Schulabbrecher! Deren statistischer Lieblingskommentarsatz anläßlich jedes x-beliebigen Schicksals-Lüfterls: „Die Nerven liegen blank!“ Mindestens 5 Mal pro ‚Format’! Sie haben die besten Chancen im Nabel aller Mediokrität zu landen, bei ‚Endemol’: Diese scheinbaren ‚Format’-Monopolisten schütten ihren ungenießbaren TV-Eintopf erbarmungslos über dem gesamten Globus aus! Unerbittliches Dauerfeuer der Vertrottelung, – Schwachsinn vom Fließband! Die Wöld is lei oans! Der nun endlich transmondialisierte Klon latscht in Turnpatschen der Marken Adidas oder Nike durch die internationalen PR-Spots, – wurscht, ob in der Glut der Sahara, im Frost der Pole oder an der Route 66. Labels make the world go round, stupid! Und auch die in alle Himmelsrichtungen zerstobenen drei Rest-Akkorde der ‚Weltmusik’ taugen allenfalls noch zur Persiflage ihrer Klassik-Geschichte. Der uralte Triple-S-Edel-Kalauer drängt sich auf:
Sokrates: To do is to be.
Sartre: To be is zo do.
Sinatra: Dobedobedo!
Selbst das antike Frauen-Idol der Venus von Milo ist zur trivialen ‚Catwalk-Challenge’ zwischen den Naomi Campbells und Heidi Klums (und ihren TV-SM-Sklavinnen) degeneriert. Und selbst das ‚must have’ der Computervernetzung bedeutet noch längst nicht, ‚networked’ zu sein! Denn wer in intellektuell unvernetzter PISA-Kenntnislosigkeit nicht weiß, wonach er suchen soll, findet selbst im ‚Weltwissen des Internets’ rein gar nichts. Nichts als kollektive Gehirn-Erosion allenfalls! Im synchronisiert treuherzigen Massen-Exhibitionismus auf Facebook, My Space und You Tube wird auch noch das letzte Fünkchen Individualismus gelöscht…
Immer öfter flüchtet sich der „Rauchzeichner“ ja in seine hochkonspirative Ein-Mann-Selbsthilfegruppe und blätterte zuletzt wieder einmal in Bertold Brecht’s Kalendergeschichten nach. Zu Form und Stoff etwa: Herr K. soll einen Lorbeerbaum zur Kugelform maniküren. So sehr er sich auch müht, schnipselt er doch immer wieder ein Stückchen zu viel weg. Als das Bäumchen schließlich dem geometrischen Imperativ genügt, moniert der Auftraggeber traurig: Nun gut, das ist eine Kugel, – aber wo ist der Lorbeer?
Es ist freilich ein Gebot der Humanität (und vor allem des Realitätssinns) dem Massenmedium Fernsehen Vergleiche mit Brecht’schem Esprit zu ersparen. Quoten-TV ist nun mal elektronisches Vorstadt-Varieté. Und das längst nicht nur wegen der phänotypischen Frau ohne Unterleib (hinter ihrem TV-futuristischen Anchorwoman-Arbeitsplatz), die bis ins 21. Jhd hinein die Nachrichten mit sprödem Meerjungfrauen-Touch vorzulesen hat! Den Herren der Neuigkeiten geht’s da übrigens nicht anders! Wobei die noch besser dran sind, denn deren Beine wollte sowieso nie einer sehen. In eine derartige Totale von der ‚Krönung der Schöpfung’ hätte schon im Wurstel-Prater des 19. Jhd. kein Aas auch nur einen Kreuzer investiert… Als prospektiver Star des Vaudeville hatte man gefälligst zwergwüchsig zu sein, einen Buckel à la Quasimodo zu haben oder zumindest an weltsingulärer Hodensack-Elefantiasis zu leiden… Tja, doch derlei Varieté-Sternstunden sind mit dem sauertöpfischen Stiftungsrat einfach nicht mehr zu wiederholen…
Zum Glück balgen sich aber sowieso die Massen ‚da draußen’ um ihren Wimpernschlag Ruhm! ["In the future everyone will be famous for 15 minutes." Andy Warhol, 1968] Begünstigt durch die abrupte Akkumulation von übermäßiger Tagesfreizeit infolge der explodierenden Arbeitslosigkeit, rennen die glücklos Entwurzelten den TV-Studios sämtliche Türen ein. Das Business mit den Hacknstaden vor der Kamera und vorm Bildschirm boomt wie nie: Kaum ein Programm ist noch billiger herzustellen, als die sozialen Peep-Show-Formate, und so werden für jeden x-beliebigen Alltags-Topfen willenlose Deppen gesucht, die ihrerseits wieder nach irgendetwas suchen! Etwa „Bauer sucht Frau“, „Deutschland sucht den Superstar“, „Die Talentsucher“ oder halt die aufreibende Suche nach dem Ausweg aus dem Privatkonkurs: „Raus aus den Schulden“. Ein gewisser Herr Zwegat führt dabei die in Not Geratenen mit gnadenlos-bestimmender Höflichkeit vor, - und daheim fallen sich ähnlich klamme Pärchen selig in die Arme: „Schau Schatzi, går aso im Oasch san ma do no net! Bussi, Schatzi, hol’ ma gach no a eiskalt’s Hülsl vom Wirtn!“
Mindestens ebenso populär sind die vorgeblichen ‚Coaching’-Formate: Etwa „Die Super-Nanny“, die restlos aus der Bahn geworfenen Hartz-IV-Couch-Potatoes eintrichtern soll, wie man seine garantiert irrtümlich in die Welt geworfene und sofort außer Rand und Band geratene Brut domestiziert. Kinderpsychologische Aspekte kognitiver Lernprozesse, wie etwa Albert Bandura’s „Lernen am Modell“ sind dabei allerdings in den seltensten Fällen angezeigt: Insbesondere wenn der von der ‚Besten aller möglichen Welten’ mitleidlos ausgespiene Papi schon so ziemlich alles in sich hineinkübelt, – außer dem seit Jahren abgelaufenen Abflußreiniger, vielleicht. Und Mami im Supermarkt klaut wie ein Rabe, weil die Kohle hinten und vorn nicht reicht. „Lernen am Modell“ wäre auch bei Onkel René und Tante Yvonne eher fatal: Der langzeitarbeitslose Oheim hat seinem Schatzi schon im Bahnhofsviertel mit einem Stückchen Tafelkreide ein Geschäft einrichten müssen. Da geh’st auf und ab, Alte! Doch auch die Lustspender-Spenden sind dieser Tage eher lausig, die Frequenz ist krisenbedingt dürftig – und schließlich ist Tante Yvonne auch nicht mehr die Jüngste. Und so ist dem Onkel René auch gar nichts anderes übrig geblieben, als sich ein paar ostslovakischen Jungs aus der Eck-Kneipe anzuschließen, die sich auf eine etwas volkstümlichere Variante des - in Pfeffersäcke-Kreisen so beliebten - ‚Cross Border Leasings’ spezialisiert haben: In den anthrazitfarbenen Roger-Staub-Mützen der Saison statten sie betuchteren Villen-Haushalten nächtliche Überraschungsbesuche ab. Und so kommen auch Onkel René, Tante Yvonne und die vier Rotznasen einigermaßen über die Runden. Naja, und in der Ostslovakei grenzt ja selbst der erbärmliche Hartz-IV-Lohn-Hohn noch an schieren Luxus! – Ob allerdings – angesichts dieses komprimierten sozialen Elends im reichen Europa - ausgerechnet die schlicht-resche „Super-Nanny“ prädestiniert ist, die menschliche Tragödie wieder ins Lot zu rücken? Naja, im Fernsehen funktioniert sowas ja immer…
Jene wiederum, die schon endgültig an der vermutlich schwäbischen Philister-Maxime „Bleib’ im Land und ernähre dich redlich“ gescheitert sind, finden in weiteren Loser-‚Formaten’ ihre neue Heimat: „Goodbye Deutschland – Die Auswanderer“ oder in flotter Klein’schreibe’ „auf und davon“. Die diebische Schadenfreude am seriensatten, schleichenden Ruin der Fahnenflüchtigen jagt die Kleinbürger-Quoten in lichte Höhen. Und weil kein Sender so schnell produzieren kann, wie die einmal angefixten Sich-Ins-Fäustchen-Lacher auf ihren abgewetzten Substandard-Kanapees nach neuem, noch härterem Stoff gieren, wurde der Geistesblitz Bazzoka-TV gezündet: Man kaut die ausgelutschte ‚Odyssee’ der Neo-Heimatlosen einfach immer und immer wieder. Schlicht immer weiter fort, bis zum Koma des allerletzten Zusehers! Redundanz statt Dramaturgie! Der offensichtliche Reibach: Neu-Dreh maximal 30%! Der traurige Rest wird aus sogenannten ‚Rückblicken’ zusammengeschustert! So kehrt das verwirrte Publikum wie in ‚Und ewig grüßt das Murmeltier’ immer wieder nach Bad Segeberg, Castrop-Rauxel und Co, wo ‚Die vehängnisvolle Affäre’ der Heimat-Fremdgänger ihren tragischen Ausgang genommen hatte, zurück! „Håm ma des net eh scho g’schaut’, Mausi?!“, rätseln die Hacknstadn bei Dosenbier & Chips. Beim Film heißt sowas zwar ‚Rückblende’, aber woher sollten die hauptberuflichen Hobby-Filmer des Privat-TV sowas denn auch wissen! Is åber a scho wurscht! Seither feiern jedenfalls die Produzenten dieser Soaps wieder ausgelassene Champagner-Feten: Denn die – zumindest im Zehnminuten-Rhythmus wiederkehrenden - ‚Rückblicke’ werden nicht einmal aus Restmaterial neu montiert, sondern knallhart als ordinäre ‚Klammerteile’ 1:1 in die aktuelle Folge eingesetzt! Kein Neudreh, kein Equipment, kein Redakteur, kein Kameramann, kein Assi, kein Ton, kein Schneideraum, kein Cutter, keine Mischung, kein… Ein Drittel Produktionskosten – volle Gage! Na, endlich! Die Quadratur des Kreises im Massen-TV! Und hat der dröge Auswanderer schlußendlich wenigstens im Scheitern obsiegt, wird er im sinnigen Anschluss-‚Format’ „Die Rückkehrer“ kautschukartig weiterverwurstet! Als absoluter Top-Mikroorganismus im aufgeblähten TV-Pansen darf allerdings ‚Stoneface’ und Model-Domina, das begehrte Bergisch-Gladbach-Heidi gelten, das gleich ganze, mehrstündige Folgen von ‚Germany’s Next Topmodel’ wiederkäut!
Und weil jede noch so übelriechende Gärkammer nach immer neuen Rejektionen (Hochwürgen in die Mundhöhle) lechzt, boomen schließlich auch noch die inflationären Tester-‚Formate’: „Rach – Der Restaurant-Tester“ etwa. Das ‚Drehbuch’ dazu paßt bequem auf einen Arbeitslosen-Fahrschein: Und weil ja alle nach irgendetwas suchen, sucht diesfalls halt eine Location-Crew den verwahrlosesten ‚Wirt’n zum pikerten Kochlöffel’. Sobald sich die hartgesottenen Vomitations-Scouts erst einmal magenstülpend ekeln, ist derselbe auch schon engagiert und auch gleich noch der erste Dreh fixiert. Dann kommt – wie Phönix aus der Asche – Herr Rach aus dem Titel – und alles wird wieder gut! TV à la Rosamunde Pilcher - von der Curry-Bude zur Hauben-Hütte! Wer’s glaubt, wird selig und wer’s nicht glaubt, - muß ja auch nicht zum Diner à la maison dorthin… Freilich sind die Lern- und Änderungswilligen am allerwenigsten gefragt! Gesucht ist vielmehr die Fraktion ‚Das haben wir immer schon genau so gemacht!’ Heißt doch der Götze all dieser Formate – Scheitern unter wohligem Schaudern! Sowas richtet die ‚Modernisierungsverlierer’ vor den Flachbildschirmen auf… Worin sollte das berühmt ‚Edukative’ im Privat-TV, wie im Öffentlich-Rechtlichen (den Unterschied möchte der „Rauchzeichner“ gern klavierspieln können), denn auch sonst liegen…
Ein Pendant zu Herrn Rach in einer verwandten Branche heißt Heinz Horrmann und ist der „Der Hotelinspektor“. Der soignierte, ältere Herr hat wohl auch schon bessere Zeiten gesehen. Tja, die Weltwirtschaftskrise macht halt vor keinem halt. In salbungsvollen Endlosschleifen läßt dieses ‚Format’ immer wieder durchblicken, dass Mr. Horrmann ja schon in den ‚besten Häusern der Welt’ als Tester zugange gewesen wäre…
Der ja selbst jahrzehntelang auch berufsreisende „Rauchzeichner“ läßt da einige der nobleren Herbergen Revue passieren: Das Borobudur in Djakarta, das Adelphi in Liverpool (dort steigt auch die Queen gern ab), das Hong Kong Peninsula, das Norfolk in Nairobi, das King David in Jerusalem, das Bangkok Mandarin Oriental und natürlich das Carlyle in New York. Letzteres galt seinerzeit als bestes Hotel auf dem amerikanischen Kontinent. Der damals noch wochenschauende „Rauchzeichner“ war einst mit dem ‚Sonnenkönig’ Bruno Kreisky dort abgestiegen. Tja, ein gewisses Faible für Klasse war dem ‚Alten’ ja nie abzusprechen…
Der bedauernswerte Herr Horrmann hingegen pendelt nun zwischen Ravens- und Flensburg, zwischen Paderborn und Salzwedel. Indigniert wischt er den Testerstaub von abgeblätterten Flurspiegeln, expediert globige Getränke-Kühlschränke aus muffigen Foyers, stolpert naserümpfend über verschlissene Auslegeware, schlüpft unter wuchernden Zimmerpflanzen in schlecht beleuchteten Gängen hindurch, blickt verdrossen in halbblinde Badspiegel, schüttelt sein schlohweißes Haupt über notorisch tropfende Wasserhähne und kann sich schier maßlos über die Absenz von Hauspantoffeln alterieren! Der gemeine Fußpilz, und so… Seinen televisionären Lebensabend hatte sich der ältere Herr wohl auch anders vorgestellt…
Tja, Fernsehen ist halt ka Hetz mehr. Das Programm-Machen nicht – und das Zuschauen schon gar nicht…

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