Mittwoch, August 05, 2009

EIN HANS UND EINE KRONE

„Hegel bemerkte irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen hinzuzufügen: das erste Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“ (Hervorhebung vom >Rauchzeichner<.)

Karl Marx: „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ [1852]


Dass unser Blauer Planet reichlich kopflos durch die aktuelle Farce des 21. Jahrhunderts schlingert, ist ja kaum noch zu übersehen: Die alles zerstörende Weltwirtschaftskrise von 1929 feiert fröhliche Urständ, die Massenarbeitslosigkeit wächst stündlich in immer monströsere Dimensionen, Kurzarbeit ist bald Standard, der Schlund des globalisierten Kapitals hat (nach jahrzentelangen Milliarden-Profiten) Aberbillionen Euro, Dollar, Franken, Rubel, Yen, Yuan und Rupien verschluckt oder in windige Steueroasen (wie auch das Hoamatl) gespuckt, die jämmerlichen Hungerlöhne ernähren die Frau/den Mann nicht mehr, die wüste ‚Tschuschen’-Hetze wütet in infamer Analogie zum Antisemitismus des vorigen Jahrhunderts, - und das braune Gesindel kriecht auch schon wieder aus allen Pestilenz-Löchern. Ebenso hirn-, wie ratlos, wirft die Politik dem ‚schlechten Geld’ noch Abermilliarden des ‚guten’ hinterher: In seinem nicht zuletzt auch ideologischen Kater besetzt der lernresistente, bürgerliche Staat erneut die Rolle des ‚ideellen Gesamtkapitalisten’ und versucht mit dem buchstäblich allerletzten Granl, dem mit Bomben und Granaten eingegangenen Kretin ‚Kasino-Kapitalismus’ neues Leben einzuhauchen! Wie das, Travnicek?! Naja, indem er den Moribunden halt an den Tropf des Steuertopfs der nächsten X-Generationen hängt! Ave posteritas – morituri te salutant!

So weit, so beklemmend! Keiner hört was, keiner sieht was, keiner sagt was! Die sprichwörtlichen Drei Affen werden zu den zeitgemäßen Erinnyen des urigen Untergangs! Zu zottelachselzuckenden Katalysatoren des rasenden Ruins! Keiner muckst sich, keiner muckt auf! Unsere traditionell duckmäuserischen Lethargiker fürchten ja schon die puppenhäusige Karikatur auf eine Barrikade wie den Mount Everest und nutzen die an sich dafür vorgesehenen Baustoffe lieber zur substandardmäßigen Behübschung ihrer biedermeierlichen Kokons. Daham bleibt hålt daham… Und im Oasch is hålt im Oasch…

20% sehnen sich schon wieder nach „einem starken Führer, der sich nicht um ein Parlament und um Wahlen“ scheren muss, hat eine repräsentative Studie (1500 Befragte; Herausgeber: Regina Polak, Ursula Hamacher-Zuba, Christian Friesl) gerade erst ergeben. 51% verachten Politiker generell und wünschen sich anstatt einer „Regierung“ lieber irgendwelche, nicht näher definierte, „Experten“ als ihre „Führer“. Und 6% sind gleich für eine Militärdiktatur. Hitler, Goebbels, Strache, Graf, Mölzer und Stadler lassen schön grüßen…

Rückblende. Klitzekleiner Exkurs vom virulenten Elend ins heiter Cineastische. Ein Hauch von Nostalgie nach Kakanien. Aus einem ebensolchen – nicht näher benannten – Kaiserreich stammte 1953 auch eine gewisse Prinzessin Ann (nein, nicht Anne Elizabeth Alice Mountbatten-Windsor – die war damals ja noch kaum aus den Windeln, sondern die ungleich bezauberndere Audrey Hepburn, die gleich in ihrer allerersten Filmrolle einen Oscar einheimsen sollte) aus der bittersüßen Filmromanze ‚Roman Holiday’. Auf Staatsbesuch im Rom nimmt der feenhafte Teenager protokollmüde Reissaus und wird nächtens vom US-Reporter Joe Bradley (Gregory Peck) auf einer Parkbank aufgelesen. In einer indifferenten Mischung aus Beschützerinstinkt und Begierde schleppt er die bei Hof sedierte und entsprechend tramhapperte Elfe in seine kärgliche Dachkammer, die dazumals – im Gegensatz zu heute - ja noch als très unchic galt. Erst anderentags – als die vom Boulevard heiß ersehnte Prinzesschen-Pressekonferenz betreten abgesagt werden muß – realisiert Joe seinen headlineträchtigen Zufalls-Fang. Nach turbulenten Tagen und Nächten ziemlich unstandesgemäßen Zeitvertreibs (bildgewaltig unterfüttert von Bradley’s Fotografen-Sozius Irving Radovich [Eddie Albert]), inklusive mitternächtlicher Massenschlägerei auf einem Boogie-Woogie-Dampfer am Tiber, versagt sich der inzwischen liebestrunkene Joe die Story seines Lebens. Im generösen Verzicht erobert er zwar nicht gerade den Pulitzer-Preis, doch immerhin das gleichfalls wild pochende Herz der märchenhaften Prinzessin. Doch infolge der starren Standesdünkel jener Tage hatte das obligatorische Hollywood-Happy-End doch noch zu entfallen… Auf Deutsch hieß die herzzerreissende Edel-Schnulze übrigens „Ein Herz und eine Krone“…

In jenen denkwürdigen Tagen der frühen 1950er-Jahre wechselte gerade ein gewisser Hans Dichand (wohl eher nicht vom edelmütigen Joe Bradley inspiriert) von der Kleinen Zeitung zum Neuen Kurier, ehe er mit einem gewissen Kurt Falk, einem ehemaligen Persil-Angestellten, und 12 Millionen Schilling Gewerkschafts-Gerschtl die Kronen Zeitung neustartete. Seither hält diese weltweit einzigartige, feudalistische Personalunion von ‚Ein Hans und eine Krone’ das Hoamatl fest im Griff! Tja, der Hans, der kann’s und hatte es immer schon faustdick hinter den Ohren! Doch auch weit südlichere Sinnesorgane blieben nicht untätig: Seit nunmehr fünf Jahrzehnten läßt sich ‚Onkel Hans’ von seinen ‚cochones’ die jeweilige Tages-Disposition der breiten Masse der unsteten Austriaker einflüstern. Und so gibt der flatterhafte Greis im untertanenseligen Österreich unverdrossen den kaum camouflierten Trendsetter der rasch wechselnden Befindlichkeiten. Onkel Hansens wankelmütige Underwood-Tasten klappern halt stereotyp im Pulsschlag des jeweils gewünschten Zeitgeists…

Erst im Vorjahr hatte der Cerberus am ‚Vorhof der Macht’ seinen sanguinischen Wahlneffen Werner Faymann von einer gebieterisch vergatterten Redaktion zum Kanzler schreiben lassen. Ganz garstige ondits zischeln ja gern, die eigentliche Speerspitze des Krone-Kampagnen-Geschreibsels, die Leserbriefe, wären immer schon reine Chefsache gewesen. Doch schon bald nach der Möchtegern-Capablanca-Eröffnung im letztjährigen Polit-Schach, folgte – Zug um Zug - ein verblüffendes Neffen-Gambit! Ein völlig unorthodoxer Neffen-Abtausch bereits in der Eröffnungsphase der laufenden Partie. Hatte sich doch der treulose Liesinger Springer erdreistet, simultan auch noch auf anderen Brettern zu hüpfen und seine sprudelnde Annoncen-Gunst auch aufs fiese Konkurrenz-Blattl „Österreich“ auszudehnen. Mit diesem Affront fiel die undankbare Charge beim (un)heimlichen Polit-Turnierleiter über Nacht in Ungnade. Und so kam halt ein anderer, gleichfalls recht wendiger, Krone-Höfling zum Zug: Hans-Peter Martin durfte sich – nach massiver Gratis-PR auf weihevollen Doppelseiten im Wert von Zig-Millionen - über einen saftigen Erfolg bei der mäßig frequentierten (42% Wahlbeteiligung) EU-Wahl freuen.

Doch auf seine alten Tage wird der notorisch beutelgesteuerte ‚Onkel Hans’ zum rechten Windbeutel! Und so hat er eben erst das ‚Christkindl’ von Radlbrunn (* 24.12.1946) und dessen fülligen Neffen zu den jüngsten Hoamatl-Heroen erkoren: Erwin Pröll zum künftigen Bundespräsidenten und dessen Agro-Abkömmling zum Neo-Kanzler! Freilich mit der generösen Konzession eines veritablen Herrschers: Natürlich nur nach – eh klar – „echten, demokratischen Wahlen“! No, åber gehn’S, Travnicek, glei „echt“ und „demokratisch“ auf einmal?! Gretchenfrage an den sakrosankten Leithammel der synchronisierten Boulevard-Leitmedien: Zawås – bittescheeen - braucht’n so a grundschlichter ‚Krone’-Fünfzeiler-Buchstabierer denn überhaupt no a Wahlurne?! (Siehe oben). Bleibt nur zu hoffen, dass die dermaßen hymnisch ‚gehypten’, niederösterreichischen Lokalmatadore nicht noch ein paar Verwandte im politikfähigen Alter im Köcher haben?! Die dynastischen (Erb)-Folgen wären unabsehbar… Nach den Habsburgern - nun die Prölls?! Aber was weiß man denn schon noch im hoamatlichen Absurdistan: womöglich ist ja Nina Proll auch nur ein Künstlername?

Jahrhundert-Farce auf der ganzen Linie also: Und so ist auch der rare TV-Wurf „Wir sind Kaiser“ längst Bruchharsch von gestern! Submissest, Euer Gnaden, und jawoll: ‚Wir haben einen Kaiser!’ – aber der heißt leider nicht Robert Heinrich, sondern schlicht Onkel Hans. Im verlotterten Sitten-Sog der absolutistischen ‚Krone-Demokratie’ erreicht auch das Kabarett bestenfalls noch ein knappes Remis… Die Politik ist ja schon längst Schachmatt! Alle künftigen Hoamatl-‚Führer’ inauguriert ‚Onkel Hans’ fortan gleich direkt, der heitere ‚Neffe-wechsle-dich’-Ringelrein übernimmt die unblutigere Rolle des altrömischen ‚panem et circenses’, das Hohe Haus gäbe allenfalls ja auch einen prächtigen Kultur-Palast ab (werden doch eh schon 80% der Gesetze von Brüssel oktroyiert) und seit das Volk aus dem letzten Loch pfeift, pfeift es erst recht auf all diese blinden Berufs-Politikaster…

Doch ein ehern g’standener Hoamatler bleibt unverdrossen und geht niemals unter! ‚Im-mer wie-der, im-mer wie-der, im-mer wie-der Ös-ter-rei-ch, - jetzt geht’s l-o-o-o-s!!! - jetzt geht’s l-o-o-o-s!!!’: Im Scherbenhaufen der Globalisierung verfallen nun allerdings auch die hiesigen Apokalyptischen Reiter der letzten Tage der Menschheit allmählich vom gemächlichen Trab in den gestreckten Galopp…

Avanti - in die Arena – morituri…