Dienstag, Jänner 04, 2011

VON GELDTRICHTERN UND SUPPENKÜCHEN

Spätestens seit dem 15. September 2008, dem Fall des ersten Dominosteins zur aktuellen Weltwirtschaftskrise, sollten selbst PISA-begabte kapiert haben, dass die Orakel der eitlen Ökonomen stets auf tönernen Füßen torkeln. Noch diffuser agieren allenfalls noch die Statistiker zur geschwätzigen Seligsprechung der ‚Besten aller möglichen Welten‘! Laut ‚Wirtschaftsblatt‘ belegte Österreich noch vor fünf Monaten Platz 4 auf einer mysteriösen ‚Reichen‘-Skala. Ausgabe vom 21. 06. 2010: „Vor Österreich liegen in dem EU-Ranking neben Luxemburg auch Irland und die Niederlande, …“ Naja, die einst sinnesfrohe Heimat des ‚Irish Coffee‘ ja wohl inzwischen nicht mehr so ganz… Röchelte sie doch bereits im folgenden Advent sturztrunken unterm EU-Finanz-Rettungsschirm… (Wie sagt der geeichte Ire doch gern: ‚You are only pissed if you are unable to lie under the table without any help!’)

Dennoch war es Irlands fataler Bankrott, der unser putziges Hoamatl endlich aufs begehrte Mammon-Stockerl gehievt hat… Per aspera ad astra… Über den Umweg der Mühsal anderer hatte die ‚Insel der Seligen‘ die ‚Grüne Insel‘ abgehängt, um zu den Sternen zu stürmen…

„Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so!“, wußte schon der gute Bertolt Brecht. - Und wer nichts weiß, muß alles glauben…

Also stieg der neugierige ‚Rauchzeichner‘ von den lichten Höhen der lauten Krösus-Kartenhäuser hinab in die dunklen Katakomben der leisen Suppenküchen. Dabei spielte ihm der Zufall in die Hände. In seinem Stammcafé ‚Absurd‘ verkehrt auch ein verblüffendes Jean-Gabin-Lookalike, namens Bus-Walter. Die Kaffeehaus-Usance sieht nämlich bei Vornamensgleichheit erhellende Attribute vor: So ist etwa der Thai-Heinzi naheliegenderweise ein prononcierter Asien-Aficionado, während der Straußen-Heinzi eine gefiederte Farm im südlichen Ungarn unterhalten hatte. Und der pensionierte Bus-Walter hatte eben über Jahrzehnte hinweg Ziehharmonikabusse durch Wiens lange Tage und stürmische Nächte kutschiert. Stets am Pulsschlag des Volks, zählt er zu jener raren Spezies, der aber auch schon gar nichts Menschliche fremd ist… Eine Mordstrum-Gosch’n inklusive… Seine Jugend hatte das sozirote Kraftpaket früherer Tage in verschwitzten, bierdunstigen und rauchgeschwängerten Wirtshäusern dem – im bourgeoisen Standesdünkel als proletarisch verachteten - Sport des Stemmens gewidmet. Diese enorme Urkraft sieht man bis heute, – dabei ist ‚der Walter‘ bald siebzig – das jedoch sieht man nicht! Schon mit 16 war er in den Hirschstettner ‚Club Herkules‘ eingetreten und trainiert auch heute noch 3 Mal wöchentlich. Dabei pumpt er in eineinhalb Stunden-Einheiten 9 Tonnen (!) Eisen! - Walter ist natürlich – nicht zuletzt, weil aus Böhmen gebürtig – vom Scheitel bis zur Sohle ein echter Wiener! Doch trotz der gemeinsamen Sportleidenschaft mit Mundl Sackbauer trennen ihn vom unverwüstlichen Wiener gewaltige Tonnen Eisens, – war ‚der Walter‘ doch immer schon ein Zoon politicon, ist belesen und weitgereist. Ein klasser Bursch halt… Stets für einen goschertes Bonmot, an gfeanzten Schmäh und eine Lokalrunde gut. Und für spontane Nachbarschaftshilfe sowieso. Bloß den edlen Samariter hätte ihm im ‚Absurd‘ wohl keiner abgekauft…

Seit drei Jahren chauffiert Walter nun schon den Canisi-Bus. Jeden Samstag – sommers, wie winters! Bei jedem Wetter. Akkurat, engagiert und, –für Gotteslohn natürlich. Alternativ dazu steuert er dann und wann auch den Francesco-Bus. Beide Busse sind nach katholischen Heiligen benannt. Dabei ist Walter Atheist. Doch Religionszugehörigkeit spielt beim ehrenamtlichen Dienst an den stets wachsenden ‚Modernisierungsverlierern‘ keine Rolle, erklärt Elisabeth, die ebenso aparte, wie patente Leiterin des Projekts. Jeder, der helfen will, ist uns willkommen und jeder, der Essen will, auch! Wir kennen keine Barrieren. Und wir servieren keine Botschaften, sondern nur heiße Suppe. Und Brot. Viel Brot!

Seit nunmehr 20 Jahren schon betreibt die Caritas ihre Suppenküche auf acht Rädern. An 365 Tagen im Jahr. Ohne Schlendrian. Denn unsere ‚Gäste‘ müssen sich hundertprozentig auf uns verlassen können, weiß Elisabeth. Und darauf, dass man sie auch wie Gäste behandelt! Denn ohne Aufmerksamkeit, Zuwendung und Würde erstarrte die heißeste Suppe schnell zum frostigen Almosen-Stanitzel!

An einem kalten Spätherbst-Nachmittag begleite ich Walter also ins Ottakringer Juca-Haus. Dort finden wohnungslose Jugendliche ein Dach überm Kopf. Vom hohlen Sonntagsreden-Bla-Bla „Die Jugend – unsere Zukunft“ ist hier wenig zu spüren. Denn dieser offenbar etwas weniger begünstigte Teil unserer Zukunft ist im Folmel-1-Renntempo der allseits geheiligten ‚Modernisierung‘ aus der Kurve geflogen und hat dabei die Orientierung verloren. Sozialarbeiter und Psychologen sollen sie in einer Haarnadelkurve zurück an den Start coachen. Einen Start ins nächste Hasard-Rennen… Aktuell werden 66 juvenile Testpiloten der ‚Globalisierung‘ im Juka-Haus betreut. Und weil gerade Samstag ist, wuzzeln einige im Foyer neben dem transparent-verglasten Verwaltungsbüro, manche blättern in der Zeitungs-Imitation ‚Heute‘ und ein paar schlingen eilig Wurstsemmeln hinunter. Für den symbolischen Obolus von 50 Cents können sich die Juca-Bewohner nach Wahl in der Speis im Soutterain bedienen. Gleich nebenan liegt die Suppenküche. Auch Jenny und Roman wollen heute mithelfen. Sie schätzen Walter als (groß)väterlichen Freund. „Der Oide is echt voll cool…“

Überdies ist samstags die quasi Atheisten-Schicht am Werk. Es wird nicht gebetet, im Gang zur Küche gibt’s Filterkaffee und Kekse, - und man darf sogar rauchen. Als unumstrittener Küchen-Kaiser herrscht der kommode Rudi, unschwer an seinem imposanten Szepter zu erkennen: Die Schaufel seines Kochlöffels blitzt im enormen Format eines Netbooks und der Stiel misst unter Brüdern auch einen guten Meter. In seinem gewaltigen Stahlkessel von 180 Litern könnten selbst unbotmäßige Hofnarren gesotten werden. Doch Rudi gilt allseits als gütiger Regent im Küchenreich: Kein lautes Wort ward je gehört. Und Hierarchie gibt’s auch keine. Jeder tut, was er kann. Jenny und Roman, sowie die externen Studentinnen Raffaella und Daniela, höhlen beherzt Riesen-Kürbisse aus, Walter bringt den Bus auf Zack, der Rauchzeichner zählt in Nu zur Crew und wird quasi en passant gebeten, einen halben Kubikmeter Brot-Croutons zu würfeln.

Am Abwasch arbeitet Ambros. Der großflächig gepeckte Altrocker strahlt als überaus sonnige Seele: In heiteren Schnurren schwärmt er von seinen Streifzügen durch China, Südamerika, oder die Galapagos-Inseln. Unnötig zu erwähnen, dass er natürlich auch die ‚crazy states‘ durchquert hatte - auf der Route 66. Und auf einer Harley natürlich. Über den Becken kreist die Wasserbrause, wozu Ambros den animierenden John-Denver-Alt-Hadern ‚I’m Leaving on a Jet Plane‘ summt. Akkurat im Rhythmus dazu placiert er mit synchronen Tuschs jeweils irgendeinen Topf aufs Nirosta-Wellblech. - Nur Südafrika fehle ihm noch in seinem Traumziele-Kanon. Aber ein paar Jährchen hätte er ja noch Zeit…

Gewissermaßen als Springer wirkt Li, ein junger Chinese, der erstmals mit von der Partie ist. Er hat in Wien studiert und erfolgreich mit dem Titel Diplomingenieur abgeschlossen. Bei Siemens hätte er inzwischen sogar einen zukunftsträchtigen Job ergattert: Karriere also auf Schiene. Nun wäre es also an der Zeit, dem Land, das so viel für ihn getan hätte, etwas zurückzugeben…

Der baumlange Zivi Max macht sich inzwischen widerspruchslos mit den Mädels an der Auswaidung der Kürbisse nützlich. Das war nicht immer so! Max stammt aus einem - sogenannten - Guten Haus und hatte in standesgemäßem Dünkel zunächst einmal probiert, den Måchatschek-Feschak zu mimen. „Delegieren und obezah‘n wollt‘ er, der Lange“, hatte Walter unwirsch diagnostiziert. In einer stillen Stunde hätte er ihn sich also in der anliegenden Garage (nur ja nicht coram publico) zur Brust nehmen und die Wadln viererichten müssen. Seither verstünde man sich prächtig und alles laufe wie am Schnürchen… Walter: „I glaub‘, sei Anwaltspapa – oder wås der hålt is – kriagt nur beim Plädoyer sei Papp‘n auf. - Ǻber so a offenes Wort versteht a jeder! Auch unser Max! Besonders von einem, wie mir, auch wenn ich nur halb so lang bin!“

Ein greller Lichtstrahl fällt durch die sich knarrend öffnende Tür zum Stiegenhaus: als schüchterner Schattenriss erscheint Alex. Der schmale Bursche mit dem schulterlangen, glatten Haar nickt allen höflich, aber knapp zu, ehe er bedächtig seinen Rucksack von der Schulter gleiten läßt. „Des is mei alter Spezi, der immer so schreit“, raunt mir Walter verstohlen zu. Soll auf gut Wienerisch, oder à la Heinrich Böll schlicht heißen: Und er sagte kein einziges Wort. Nun ist Alex jedoch weder stumm, noch Trappist. Wahrscheinlich hängt er also bloß der sympathischen Ansicht an, dass heutzutage ohnehin schon viel zu viel Unsinn geredet wird! Schweigen als Meditationsübung?! Schweigen als Metapher? Eh schon alles gesagt? Wer weiß. - In seiner schmalen Silhouette wirkt Alex fast wie Jean Luis Trintignant in der Rolle des Silence in Sergio Corbuccis Spaghetti-Western „Leichen pflastern seinen Weg“. Kühl streift er seinen verknitterten Parka ab und schleicht lautlos ans Werk. Mit Bedacht streicht Alex noch eine besonders lange Strähne hinters Ohr. Da erst spiegelt sich in seinen Brillengläsern das gefährlich blitzende Zackenrad. Alex’s alternativer Peacemaker, gewissermaßen! Gekonnt zieht er den Trigger: Die schillernde Scheibe flimmert nun wie flackernde Filmkader in einem alten Kohlenlicht-Projektor: Beherzter Griff zum Brotleib und zielsicher an die Schneidemaschine geführt: Ssssrrrrrr, Sssssrrrrr, Sssssrrrrr… Gut zwei Stunden lang wird Alex seinen ‚Duellplatz‘ neben der Küche nicht verlassen… Ssssrrrrrr, Sssssrrrrr, Sssssrrrrr… Dann werden die gewaltigen 5 Brotkörbe gefüllt sein. Von eigener, entschlossener Hand, ganz ohne das Wunder der Brotvermehrung nahe Kafarnaum. Prallvoll mit frischem Schwarzbrot, das eine Wiener Bäckerei gratis zu Verfügung stellt. Ohne viel Wind darum zu machen. Dabei wollen auch wir es belassen. Doch alle hier wissen: Der symbolische Wert des Brots schlägt seinen Nährwert um Lichtjahre! Brot sichert den fröstelnden Caritas-Gästen das Überleben. Brot ist Leben. Niemals darf es ausgehen… Es ist die Chiffre für Existenz schlechthin - fast mehr noch, als die heiße Suppe selbst… Ein letztes Mal noch an diesem Abend wirft Alex eine Haarsträhne in den Nacken: Duell erfolgreich beendet - Brotscheiben pflastern seinen Weg…

Der bubenhafte Twen Roman kurbelt inzwischen versiert am silbrigen Zahnrad, welches den riesigen Suppenkessel millimeterweise kippt: Rudis wirklich deliziöse Kürbiscremesuppe ergießt sich in fünf gut kniehohe Alu-Cups. Hakenverschlüsse klicken. Je zwei Mann schleppen je eine Mega-Menage zu den Bussen. Walter legt natürlich ein Solo ein – für ihn ist so eine, wenn auch eher unhandliche, 50kg-‚Hantel‘ kaum eine Trainingseinheit… Schalen, Plastikbesteck, Servietten, Gurkengläser für ‚soup to go‘, sowie jede Menge Taschentücher sind schon an Bord. Jenny, Raffaela, Daniela und Roman karren die Brotkörbe in die Garage…

19 Uhr 45. Erste Station: Friedensbrücke. Susi und Michi sind schon da. Sie sind immer schon da, - lange bevor der Bus eintrifft. Stammgäste auf Standby. Die Rentnerin Susi steckt in wärmendem Zwiebellook, der von einer ausladenden Art Turban gekrönt wird. Ein kunstvoll geschlungenes Schalgeflecht vermutlich. Warm ist wichtiger, als chic. Susi war bei der MA 48. Sie lebt nicht auf der Strasse, hat noch eine kleine Wohnung, aber zu wenig Geld. Und Susi kommt nicht zuletzt wegen der Sozialkontakte, auch wenn sie sich meist nur auf den jüngeren Michi beschränken. Michis Kleidung und Schuhe wirken solide, er lacht gern, läßt gesunde Zähne blitzen, - und vor allem steht er aufs Schmähführen mit ‚dem Walter‘. Susi hat sich in ihrer nicht ganz freiwilligen Eremitage eine kuriose Lautverschiebung mit einem Faible für einen bestimmten Vokal zugelegt, welche die rituelle Dankesformel für ihre Suppe etwas bizarr klingen läßt: „Dunke, Wulter, dunke, du kummst in Hummel!“ Doch an diesem Abend wirkt Susi ein wenig besorgt: „Huffentlich kummt die Pulen-Purtie heut‘ nut!“ Die bewußte ‚Polen-Partie‘ hat sich seit einigen Monaten in der Kassenhalle des nahen Franz-Josefs-Bahnhofs eingenistet. Ihr Treibstoff ist Wodka. Pur. Oder halt alles, was halbwegs danach riecht. „Sun eh ukay, die Pulen, aber wunn’s fett sun, sun’s urz’wider“, klagt Susi. Allmählich tröpfeln die anderen Gäste ein – halb (Ost)europa und ein gutes Drittel Wiener sind auf den frierenden Beinen. Samt und sonders verdrücken sie sich mit ihren dampfenden Suppenschalen und ihren Brotstapeln auf ihr ganz individuelles Plätzchen. Nur wer schon gemeinsam angekommen ist, isst auch gemeinsam. Die Gäste sind durchwegs höflich, manche geradezu servil, bedanken sich x-fach, bitten um Nachschlag und mehr Brot, stellen ihre Suppenschüsseln penibel in den dafür vorgesehenen Korb, werfen Plastiklöffeln und Servietten in den Restekübel - und alle kommen nochmals wieder, – um Papiertaschentücher! Um Taschentücher? „Die brauch‘ ma jeden Abend familienpackelweis“, weiß Walter, „de årmen Teufeln hab’n jå net amoil de paar Netsch für a Schneuztüchl!“ Auffällig: Nicht ein einziger Gast schnorrt Tschiks! Die Polen-Partie erscheint heute nicht, – vermutlich war ihnen der kurze Weg im Wodka-Nirvana denn doch zu lang… Nach gut 25 Minuten ist’s Zeit: Cup, Schalen, Brotkörbe, Restmüll und das Servierbankerl an Bord. ‚Silence‘ Alex armiert den etwas erleichterten Suppenkessel mit einem Strick im Bus. - Und sagte kein einziges Wort…

20 Uhr 25. Bahnhof Floridsdorf. Regensicher unter einer Busunterführung. Es herrscht nicht gerade Drängerei. Unser Chauffeur Walter sieht‘s zuerst: „Do schau her, der Marmeladinger is heut‘ ganz allanich!“, registriert er schon beim Ausrollen. „Is denn Marmeladiger heut‘ noch politisch korrekt, Walter?“, witzelt der Rauchzeichner. „Bei ehm scho, der nennt sich nämlich selber so!“ Während ich ihm das Brot reiche, stelle ich mich vor, „Servus, i bin der Pedro“, „Ach was, ein ganz ein neues Gesicht. Der Canisi-Bus expandiert wohl? Servas, ich bin der Marmeladiger“, gibt der Marmeladiger zurück. Sein steinalter Collie schnüffelt verlegen an meiner Hand. Hungrige Hunde sind wohl sogar auf Kürbissuppe scharf. „Der muß dich mögen, Alter, er ist fast blind und bei Fremden knurrt er sonst nur“, staunt unser Solo-Klient. An diesem Abend sollte in Floridsdorf auch kein Gast mehr kommen. Beste Gelegenheit also für ein Plauscherl mit dem ‚Marmeladinger‘. Seine Mutter stammte aus Graz, der Vater aus Frankfurt. Technik-Studium, guter Job! Doch noch lange vor dieser Scheiß-Krise war seine Firma konkursreif – die Hacke perdu. Neuer Job? Zu alt! Zu überqualifiziert. Zu teuer. Immer dieselbe Leier! „Mit 45 hast du heute die Zukunft schon hinter dir, mein Junge! Zehn Jahre später erst recht!“ Dabei hatte der Marmeladinger schon alles versucht: „Strassenkehrer in Wien ist zum Beispiel ein echter Klasse-Job, – fast schon kontemplativ, und Null-Stress, Alter!“ Doch schließlich geht gar nichts mehr! Das letzte halbe Jahr habe er sich am Flughafen Wien eingebunkert. Motto: Reiselustiger Piefke ohne Ticket und ohne Kohle, aber dafür mit einem halbblinden Hund! Verstehste, mein Junge! Immerhin – diese verdammte Arrival-Halle war wenigstens geheizt! Schließlich expedierten ihn die humorlosen Flughafen-Bullen. Ende der Fahnenstange! Endstation. Erst die Gemeinde Wien hätte ihm wieder auf die Sprünge geholfen: „Aktuell residiere ich wieder auf 34m2. Fast wie in Schönbrunn, Alter, für so einen wie mich jedenfalls! Und mein allerbester Freund, mein Hund, durfte auch mit. Glatter Luxus, mein Logis!“, feixt der Marmeladinger. Von wegen – nur echte Wiener gehen nicht unter! – Zuvor so lange obdachlos, diniert unser deutscher Gast lieber in den eigenen vier Wänden. Von uns gibt’s Extra-Portionen. Schließlich hat er ja nun auch die Möglichkeit zum Aufwärmen! Und Brot – viel Brot! „Das reicht ja für die ganze Woche, Junge, danke!“

21 Uhr 05. Praterstern. Hier geht’s schon etwas turbulenter zu. Gut 25 Klienten fädeln sich artig in einer Warteschlange auf, vereinzelt auch reichlich besoffene. Auch Russen sind ja zuweilen wodkabetrieben. Ein echt Blunzenfetter oszilliert wie der Seismograph von Uppsala bei Stärke 9 auf der Richter-Skala! Und der etwas desorientierte Herr mit dem etwas verschärften ‚Damenspitzerl‘ versteht ausschließlich russisch. Zum Glück ist inzwischen auch unser Freund Elmir aus dem ‚Absurd‘ dazugestossen. Er ist aus Bulgarien gebürtig, doch längst naturalisierter Österreicher. Ein studierter Mathematiker von der UNI Graz, jedoch schon ewig in Wien. Und er ist – wie so viele Hochqualifizerte im angeblichen Krösus-Hoamatl – arbeitslos. Sein letzter Arbeitgeber, eine Medizintechnikfirma, hatte vor ein paar Wochen Pleite gemacht. Natürlich spricht Elmir unter anderem auch fließend russisch und so können wir auch unseren schwankenden Freund aus Kasachstan stabilisieren. Doch leider verschüttet er dennoch fast alles. Ein wärmendes dacapo will er eher nicht wagen und bleibt lieber nur beim Brot. Wir streuen Sägespäne aufs kleine Malheur am Gehsteig…

Zwei kichernde, österreichische Mädchen sind ebenso hungrig, wie figurbewußt, – nur wenig Suppe, kein Brot… Übrigens ist nur eine von zehn Suppenküche-Gästen weiblich. Allerhöchstens zwei. - Unser fetter Kasache bittet Elmir noch um ein Nylonsackerl – zwecks Bierdosen-Transports für seine Spezis. Leider nein. Wir haben keines. Traurig torkelt die russische Seele von dannen… Nicht der geringste Anlass jedoch, geneigte Leser, zu hochmütiger Entrüstung: Kein einziger von uns würde auch nur einen einzigen Tag auf der Straße überleben, – besoffen nicht, - und staubtrocken schon gar nicht…

21 Uhr 40. Schottentor. Schottentor? Im Herzen von Wien – im feudalen 1. Bezirk? Ausgerechnet vor der einstigen Zentrale der einst noblen Creditanstalt-Bankverein? Menetekel der Krise? Kassandraruf? Kohldampf, statt Sex in the City? Der unerwartete Zuspruch überrascht. Zwei Damen sind auch dabei: eine ältere Chinesin und eine dick verpackte Wienerin. Letztere hat ein klimperndes Sackerl voll Gurken-Gläsern mitgebracht, damit auch morgen wieder einzelne Gäste ihre Suppe mitnehmen können. An ein etwas diskreteres Plätzchen. Manche schämen sich im grellen Licht der vorweihnachtlichen Glitzerwelt. Die Zaungäste der ‚Stillsten Zeit im Jahr‘ fühlen sich inferior, vergessen, ausgestossen! Doch jene, die sie ausgestossen haben und sich schämen müßten, schämen sich nicht! Sie lassen stattdessen in der ‚gehobenen‘ Gastronomie lautstark die Korken knallen… - Immerhin, mindestens ebenso lautstark erscheint auch unser Michi von der Friedensbrücke wieder… Er kennt zum Glück keinerlei unbegründete Scham, sondern erweist sich vielmehr als echt treues Canisi-Bus-Groupie… Und Hunger hat er auch schon wieder… Tja, für ein launiges Wortgeplänkel mit Walter lohnt sich auch der längste Weg, - für unseren Michi jedenfalls…

Zurück zur Basis. Busladung löschen. Restbrot verstauen: Croutons kann die Küche immer brauchen… Der Letzte löscht das Licht… Den Abwasch werden anderentags die Juca-Haus-Teenager besorgen…

Tage später. Elisabeths Büro – überall kreatives Chaos. Wir schaufeln uns ein Plätzchen frei und trinken Kaffee. Überall im ganzen Büro stapeln sich wahre Schätze, für welche die vermeintliche ‚Überflußgesellschaft‘ keinen Blick mehr hat. Etwa dutzendweise durchaus gediegene Umhängetaschen, die vermutlich einmal Konferenz-Unterlagen oder Pressemappen transportiert haben. Gerade vor Weihnachten sind das veritable Preziosen: Müssen doch die bescheidenen Geschenke für die frierenden Suppen-Gäste irgendwo vertraut werden: Mützen, Schals, Handschuhe, Socken, Schokolade, Obst, Zigaretten. - Elisabeth hat stets ein erfinderisches Auge auf Werte, für welche die Satten längst blind sind. Und sie kennt ‚ihre‘ Gäste, – nicht nur statistisch:

Zwischen 150 und 300 Portionen werden täglich ausgegeben – je nach Jahreszeit. Im Winter etwas weniger. Wer nur einen halbwegs wärmenden Unterschlupf ergattert hat, riskiert dessen Verlust kaum. Zwei Drittel der Caritas-Gäste erscheinen täglich, fast jeder Vierte 3 Mal die Woche. Geschätzte 68% leben auf der Strasse. Wahrscheinlich 500 Menschen in Wien -die Dunkelziffer sei jedoch hoch. 50% stammen aus der EU. 36% sind Österreicher. Fast zwei Dittel aller Gäste verstehen Deutsch. Staubtrockene Zahlen für ein saftiges Elend. Beobachtet man einen Anstieg der Nachfrage zum Monatsende hin? Oh nein, denn die, die gar nichts haben, haben auch am Monatsersten nichts…

Wie hält sich das Projekt über Wasser? Teile der Lebensmittelindustrie sponsern Sachwerte, ehe sie ablaufen, die schon erwähnte Bäckerei stets frisch gebackenes Brot. Gemüse und Obst käme zum Teil aus Klostergärten und meist anonym bleiben wollende Einzelpersonen spendeten Naturalien, - und auch Geld…

Vor meiner nächsten Samstags-Tour sollten wir etwa an der Garagetür einen gewaltigen Kistenstapel mit frisch gemachten Wurtsemmeln und jede Menge Süßigkeiten vorfinden. Quasi ein kulinarisches Findelkind für die Hungrigen… Der Spender hatte es bloß telefonisch avisiert und in aller Stille hinterlegt… Außer Elisabeth weiß keiner so recht, wer der gute Mensch von Wien wirklich ist. Er will das auch dezitiert so. Anonyme Gaben, statt großer Worte. In der Küche munkelt man vage etwas von einem Rechtsanwalt oder einem Arzt…

Diesmal fahre ich mit Erich im Francesco-Bus. Der Dritte im Bunde ist der gebürtige Bosnier Petar. Sein Muttersprachen-Akzent ist von schwer erdigem Wienerisch überlagert. Diese Art Ottakringerisch deckt sein Bosna wie ein luftiges Plumeau zu. Erich ist Oberstleutnant im Bundesheer. Waffengattung Panzer. Früher hatte er bei UNO-Missionen auf Zypern, in Afghanistan und im Tschad Dienst gemacht. Heute ist er in der Verwaltung: Beschaffung und Erhaltung. Er unterhielte beste Kontakte zur Industrie. Da gebe es immer etwas für den Canisi-Bus abzustauben. Zuletzt etwa die neue Erdäpfelschäl-Maschine. Und vom Bundesheer Schlafsäcke und Decken. So unprätentiöse Typen wie Erich hat‘s zu meiner Wehrzeit noch nicht gegeben. Zivildienst übrigens auch nicht! Mein glücklicher Jahrgang hatte gerade einmal erstmals über Kreiskys Wehrdienst-Verkürzung auf sechs Monate gejubelt. Erich trägt Vollbart, wirkt lakonisch, ist für jeden g’sunden Schmäh zu haben und bestens organiert, - in Uniform kann man ihn sich trotzdem nicht vorstellen. Trotz Gardemaß und Fitness wirkt er erfrischend unmilitärich. – Während der Busfahrt – Zeit für Fragen. Fragen an einen, der sich im doch eher öffentlichkeitsscheuen Armee-Milieu bestens auskennt: Was, Erich, passiert eigentlich mit den Panzern, die gerade unter den Hammer kommen? Die kämen sprichwörtlich unter den Hammer – in der Schrottpresse! Alteisen. Sie fahren und schießen zwar noch – aber kein Schwein braucht sie. An eventuell dennoch interessierte Länder dürfe man nicht verkaufen und die etwas zivilisierteren hätten für derlei Plunder keine Verwendung. Und wie steht’s um eine Berufsarmee? High-Tech und so – der moderne Krieg eben? Funktioniert nie – zu viele Häuptlinge am Computer, zu wenige Indianer an der ‚Front‘. Dieses Problem sei ihm schon heute nicht ganz fremd! Stell dir bloß einmal vor: Wir bilden einen schlichten Soldaten zum Scharfschützen aus. Nach zehn Jahren Stress trifft der höchst einseitige Spezialist nichts mehr. Endstation AMS. Qualifikation? Naja, eigentlich keine. Protest vom Kameraden im Zauber der Montur: Aber ich war doch einmal der, der auf 400 Meter ein handtellergroßes Ziel getroffen hat! Doch echt super! Oder? Aber was nun?! Der Reservist in spe wäre am zivilen Arbeitsmarkt kaum vermittelbar… Nichts weiter, als ein weiteres Stricherl am staatlichen Sozialplan… Einsichten eines Panzer-Offiziers…

19 Uhr 45. Philadelphiabrücke. Zielsicher steuert Erich auf einen dicken Mann zu, einen sehr dicken Mann: „Servas Herbert, das schickt dir der Rudi!“, raunt er ihm zu und placiert einen prallen Plastiksack auf dem U6-Abgangs-Sims, auf welchem Herbert hockt. Es ist arschkalt. Wortwörtlich! Doch der g‘standene Outdoor-Pionier hat das Beste aus den frostigen Verhältnissen und seinen begrenzten Mitteln gemacht: sich nämlich stapelweise „Österreich“- und „Heute“-Exemplare unter den Hintern geschoben. Wohin denn auch sonst? Herberts ergraute, borstig-wilde Schneckerln drohen den – bei aller Kälte – doch etwas verschwitzten Rand seiner Leder-Schirmkappe zu sprengen. Einer Kappe, die jedem Zentralbetriebsrat im einstigen Eisenhüttenstadt alle Ehre gemacht hätte. Unter seinen hellwachen Augen kringeln sich tiefschwarze Tränensäcke. Pumperlg‘sund wirkt unser Herbert gerade nicht – doch unverdrossen allemal. Unter einer Art von altem Postrock - unsaisonal weit geöffnet - spannt sich straff ein graues Hemd: Zwischen den mandarinenspaltenförmig gespreizten Knöpfen, lugt ein weiße Unterleiberl hervor. Selbst einem Schneemann dürfte gerade wärmer sein! „Etwas heiße Suppe, Herbert?“, frage ich besorgt. „Dankdascheen, Oida, mir is net kålt und i håb‘ scho ållas! Des Brot für de ganze Wochn, für mi und mei Frau. Vom Rudi-Spezi, der is leiwand, waßt es eh.“ Beinahe wirkt Herbert wie ein Barmann aus Pennsylvania, der sich auf die – nach dessen Hauptstadt benannte - Brücke verirrt hat: Hört man einem US-Barkeeper zu, erfährt man ja auch sein ganzes Leben in knapp 15 Minuten. „Gestern no hab‘ i ma denkt, i steh glei ummi, Oida! 420 Zucker! Und mei Leber is a im Ǻosch! Heut‘, a g’schwind’s Jaukerl beim Ǻrzt und scho is wieder ållas im grünen Bereich.“ A echter Wiener get eben net unter! Herbert ist 63, würde aber als Werbetestimonial für Supradyn nicht unbedingt durchgehen. Seit seiner frühesten Jugend war Herbert Asphaltierer: „Hitz‘ und G‘stånk! Jeden Tåg! Hitz‘ und G‘stånk! Und immer auf der Stråß‘n. Meine Meter: Von Meidling bis Vurarlberg – und wieda z‘ruck. Fünf Mål, – mindestens! Von de ewigen, stinkaten Dämpf‘ is a mei Leber im Kübel.“ - Die so sensibel pensionsreformierte PVA hält ihn eisern auf standby - im Frühruhestand. Pensionssicherungsreform hatte das die Regierung Schüssel genannt. Naja, zwar a wengerl grauslich, scho, aber echt billiger. - Aber vielleicht wird Herbert ja sein bescheidenes Lebensziel doch noch erreichen – die Vollpension im kommenden Mai…

20 Uhr 20. Südbahnhof. Das gesamte Areal ist beim ‚Rauchzeichner‘ nostalgisch besetzt: Jahrelang war er sein Brückenkopf zu Gymnasium und Universität. Geblieben ist nur noch ein Loch. Ein riesiges Loch! Jedoch kein Loch in seiner privaten Zeitgeschichte. Und den Schweizergarten gibt’s ja noch: Dareinst grünes Hideaway diverser Techtelmechtel mit zufälligen Zugsbekanntschaften. Heute echauffiert der Park bloß noch keuchende Jogger, ältere Herren, die ihre Hunde äußerln führen, ein paar beschwipste Tennager, – und er ist zur Endstation Suppenküche für erfrorene Obdachlose geworden…

Seinerzeit hatte der ‚Raucheichner’ ja am Schulweg häufig ein Stop-over im Opernkino eingelegt: Etwa zur köstlichen Filmkomödie „Die Kaktusblüte“. Tristes Déjà-vu anno 2010! - Noch in den späten 1960ern war der putzige Twen Goldie Hawn über ein Verlegenheitsgeschenk aus schlechtem Gewissen ihres reifen Liebhabers Walter Matthau bitter enttäuscht: Eine kostspielige Nerzstola zwar, doch die todchicen Lackstiefelchen bei Sacks auf der 5th Avenue hätten ihren Hippie-Geschmack viel eher getroffen! Heutzutage hat die Enttäuschung mehr Tiefe: Ein goldiegleich-zartes Geschöpf steuert auf unsere dampfende Suppenküche zu: Die Kapuze tief über den bloden Bubikopf gezogen, der Rock für die grimmige Jahreszeit viel zu kurz, das jämmerliche Jäckchen viel zu dünn. Die Kleine bibbert erbärmlich. Ausgerechnet bei diesem armen Ding sind also Goldie‘s ersehnte Lackstiefelchen gelandet: und dazu auch noch dünn wie Seidenballerinas… Willkommen in der schönen, neuen Welt! Die Suppen-Crew friert mit… Noch etwas heiße Suppe, Miss Toni?

21 Uhr 00. Karlsplatz. Eine überdachte Passage an der Technischen Universität. Fiesta frosticana! Ein schwatzendes Menschenknäuel drängt sich dicht an dicht: Fast alle Gäste sind Roma aus Bulgarien, Rumänien, Ungarn und der Slovakei. „Sonst sind auch noch die Omas und ihre Enkerln da. Ganze Familienclans, halt“, weiß Erich. Die Zigeuner trotzen ja traditionell der Vereinzelung und Vereinsamung. Zwar rauscht am Karlsplatz nicht gerade ein ausgelassenes Mulatschag, – aber immerhin ist man zusammen… Dann tritt Er auf! Ein anerkennendes Raunen geht durch die Menge. Eine schwarze Stirnlocke bis unters Kinn, den Saitensteg seiner Gitarre am Gurt schmissig nach unten gerichtet, den grinsennden Mund voll weißer Zähne und tänzelnden Tango-Schritts: Von Kopf bis Fuß - ein Gipsy-King! (Seine Erscheinung weckt alte Emotionen in mir: Erinnert er mich doch fatal an meinen leider so früh verstorbenen Freund Ramon aus Las Negras in Südspanien. Ramon war auch so ein alle gewinnender Tausendsassa.) Der ‚King‘ bringt etwas Pfeffer in die emsig löffelnde Suppen-Schar! „Håbt’s heut‘ net a g’scheits Wiener Schnitzel, compañeros?!“, deklamiert er augenzwinkernd, und eigentlich nur für die Galerie. „Hoy no hay, chico, åber Rudis Linsensuppe is sowieso superiore“, versuche ich den übermütig gestikulierenden Zampano etwas im Zaum zu halten… Der ‚Gipsy-King‘ grinst verwegen und löffelt mit Feuereifer – de Suppn is super heut‘…

Zwei Wiener Gecken-Bürscherln in extravaganter Designer-Panier haben sich zum Bus verirrt: „Gibt’s da leicht etwas umsonst?“, fragt der Keckere. „Bei uns kriegt jeder Essen“, erklärt Erich den Hausbrauch auf der Straße. „Wieso macht ihr das?“ „Vielleicht, weil sogar Bürscherln wie du Hunger haben!“, bemühe ich mich um etwas Realitätssinn. „No, gar so wild ist mein Flameau auch wieder nicht“, wischt das der Halbstarke schnippisch beiseite. „Aber unsere Freunde hier haben Hunger! Echten Hunger! Kapiert, hey?“, reagiert Erich ungewohnt heftig. Der – nun doch sichtlich etwas beschämte - Bub schweigt und schaufelt seine Suppe gierig in sich hinein… War offenbar doch ziemlich wild – sein Heißhunger … Und das opulente Taschengeld dürfte wohl auch gerade ausgegangen sein…

21 Uhr 35. Westbahnhof. Ein Dutzend Gäste, – bedeutend weniger als sonst, bestätigt Erich. Wäre er auch nur einen Hauch militärischer, würde die Lage wohl unter ‚ohne besondere Vorkommnisse‘ fallen… Der Kreis schließt sich: Unsere Gäste ziehen sich in ihre Schneckenhäuser zurück, essen hastig und schweigen… Unsere ‚Wohlstands‘-Gesellschaft hinterläßt ihre Deklassierten sprachlos…

Petar hat sich am Westbanhhof vertschüsst. Am Weg zurück ins Juca-Haus setzt mich Erich ins Bild. Petar wäre zwar mit Herz und südlichem Temperament bei der Sache, doch nicht aus purem Altruismus. Er wurde beim Zigarettenschmuggel erwischt! Offenbar in großem Stil, denn der Richter hat ihm statt des Häfns satte 730 Stunden Sozialdienst aufgebrummt. Vom Strafausmaß her führe Petar nun die ‚Resozialisierungsliste‘ beim Canisi-Bus an… Mit einigem Abstand…

Wie steht man das Elend Tag für Tag durch, frage ich Projektleiterin Elisabeth. „Ich wollte schon immer etwas Sinnvolles tun, mit Menschen arbeiten und jenen helfen, die sich nicht selbst helfen können. Etwas, über dessen Erfolg man sich auch täglich freuen kann. Etwas, das vielleicht sonst niemand macht, und etwas, wonach man sich am Abend auch noch in den Spiegel schauen kann“, zeigt sie sich analytisch, pragmatisch –und auch ein wenig sozialromantisch. Und, in diesem Job überraschten einen immer wieder die unglaublichsten Alltags-‚Wunder‘: Eine pensionierte Dame aus dem diplomatischen Dienst hat an jedem einzelnen Tag in diesem Jahr ein Haube gestrickt, – und einen Schal gleich dazu! Eilig kramt sie ein Set aus ihrer Schatzkiste: Keine Massenware – Stück für Stück handgestrickt, mehrfärbig, gezopft und aus feinster Wolle. In jeder Krempe steckt ein penibel handbeschriebenes Etikette mit Größenangabe: von S bis X-Large! Feinsäuberlich verpackt in einem Nylonsäckchen mit Klemmverschluss. Ein so persönliches Geschenk machte unter jedem Christbaum bella figura! „Ich will nicht dabei zusehen, dass die Hungrigen auch noch frieren. Mein Beitrag ist zwar nur eine Petitesse – doch eine, die wenigstens wärmt. Auch mich!“, hatte sie Elisabeth ihren Handwerks-Marathon erklärt. Natürlich will ich die exzeptionelle Spenderin und wohl auch Weltmeisterin im Langstreckenstricken interviewen! „Keine Chance“, winkt Elisabeth ab, „die Dame legt äußersten Wert auf unbedingte Diskretion!“ Naja, unsere streng anonym bleiben wollende Grande Dame wäre wohl von WikiLeaks stets ungefährdet geblieben und sie war ja auch in der heimischen Diplomatie tätig, – und nicht in der amerikanischen…

Resümiert Elisabeth: Nicht nur diese ganz besondere Dame, sondern jeder Einzelne, der uns unterstützt, ist mir ein täglich neues Geschenk! Gibt mir Kraft. Unsere Ehrenamtlichen kommen aus allen Schichten der Gesellschaft und bringen immer neue Facetten und Farben in unseren Alltag. Kein Tag gleicht dem nächsten. Nirgendwo sonst gebe es soviel ‚corporate identity‘, die naturgemäß gar keine ist! Sind wir doch keine Firma, sondern ein Hilfswerk! Alle Helfer sind auf ihre ganz persönliche Art spannende Individualisten, die einzig ein Credo eint – nicht Wegschauen, sondern Zupacken! Ohne deren Engagement könnte das Projekt niemals überleben! Kostet doch die Suppenküche trotz allem noch immer 350 Euro, – pro Tag! Lebensmittel, Logistik, Energie, Transport, Sprit, etc. Doch das Rückgrat seien die ehrenamtlichen Helfer – ohne ihre Treue blieben die Schüsseln der Ärmsten der Armen leer…

Apropos: Die Blitzlicht-Junkies von der Seitenblicke-Charity-Fraktion sind im Ottakringer Juca-Haus unbekannt. Ihnen fehlt ja auch die Zeit – viel zu sehr beschäftigt mit ‚Fressen für den Hunger‘ – Tag für Tag und möglichst medienwirksam! Auch die Zelebritäten aus Wirtschaft, Politik und Schickeria schwänzen ihren Beitrag im Luftikus-Laissez-faire. Dabei würden gerade die angeblichen Eliten, all diese Meinls, Mensdorff-Pouillys, Kovacs, all diese Elsners, Kulterers und Berlins, all diese Grassers, Meischbergers, Hocheggers, Plechs und Kaufmanns (tja, sorry Herbert, auch wenn wir zusammen die Schulbank gedrückt haben) das Kraut erst so richtig fett machen:

Fehlten ihnen doch bei nützlicher Arbeit Animo, Muße und Zeit, all diese Abermillionen zu verschieben, zu waschen, zu verspekulieren, zu defraudieren oder einfach am Scheiterhaufen des neoliberalen Irrwegs zu verbrennen…

Doch all diese Brandstifter des sozialen Friedens wiegen sich mit einiger Berechtigung noch in Sicherheit – sind doch ihre ärmsten Opfer für den Aufstand schon zu geschwächt…