DIE FLEISSIGEN UND ANSTÄNDIGEN: EIN BUND TÜCHTIGER DEFRAUDANTEN!
Es war einmal ein Junker aus der Provinz von bescheidenem Stand und verzehrendem Ehrgeiz. Seine Eltern tauften ihn auf Karl-Heinz und betrieben einen Kaleschenhandel in Carinthia. Schon von Kindesbeinen an wollte der Sprößling nur eines: Schnurstracks nach oben! Nach ganz oben, versteht sich! Ganz gleich wie - um jeden Preis! Nie wieder schmutzendes Achsenschmieren und serviles Verschläge-Öffnen an den Luxuskarossen des Hochadels, der dann flugs sorgenfrei und champagnervoll in seinen unerreichbaren Schlössern retirierte. Nie wieder! Einer von ihnen wollte er sein! Die undurchdringlichen Standesgrenzen jener dunklen Tage durchstossen. Per aspera ad astra? Viel zu mühselig! Ohne Tugend unter die Tuchent! Für dieses Ziel hätte er ohne Wimperzucken auch seine Seele verkauft, wenn er denn eine gehabt hätte…
In jenen unsteten Tagen trieb auch ein zugereister Gaukler und Scharlatan namens Bodo-Jörg sein unflätiges Unwesen im Lande. Manisch zog es den demagogischen Rattenfänger von Marktplatz zu Marktplatz, vom Gejohle der mordlustigen Plebs an den Blutgerüsten immer weiter in die düsteren Spelunken des Glacis’, um die brannteweingetränkten Schlichten und Deklassierten – besser noch, gleich all die Dorftrotteln - um sich zu scharen, indem er sie wortreich zu den einzig Anständigen, Fleißigen und Tüchtigen adelte! Dergestalt verlieh er den privileglosen Ständen eine billige Illusion von Zugehörigkeit, Bedeutung und Selbstachtung! Mit den wahren Peinigern jener finsteren Tage, dem Klerus und dem Adel, wollte sich der selbsternannte Mittelalter-Messias nicht anlegen, – vielmehr setzte er auf ein offenbar deppensicheres Rezept: die gebetsmühlenartige Desavouierung alles Fremden! Jeder, der nicht aus der seenreichen, von gewaltigen Bergmassiven eingekesselten, Zwergprovinz stammte, wurde umstandslos zum Untermenschen gestempelt!In der sinistren Absicht zur totalen Volksverhetzung streifte er sogar seine ursprünglichen Provenienz ab, imitierte gar den Zungenschlag seiner frisch rekrutierten Mitläufer und wurde so bald selbst für einen der ihren gehalten. Auf diese wundersame Weise machten die ungebildeten Fremdenhasser einen selbst Fremden zu ihrem umjubelten Anführer! Führer, befiehl! Wir folgen dir!
Im bedingungslosen Aufstiegswillen von Junker Karl-Heinz fand Bodo-Jörg den Prototyp des nützlichen Apologeten. Mit seinem stets akkurat frisierten Pagenkopf zog er alle potentiellen Schwiegermütter ohn Verzug in seinen Bann – von der Magd bis hin zur Fürstin! (Der Provinz-Demagoge selbst kultivierte ja lieber seine ergebene Pagen-Partie und konnte dem Werben der wogenden Weiber wenig abgewinnen.) Das ideologiefrei-grinsende Aushängeschild Karl-Heinz sollte die perfiden Pläne seines Herren und Meisters camouflieren. Und so schickte er den geschmeidigen Vasallen weit über die Lande, um immer noch mehr xenophobe Gefolgsleute zusammenzutrommeln. (Die Nachfahren späterer Jahrhunderte sollten sowas dann Road-Show nennen.) Auch in Ankleidefragen ging Karl-Heinz kapriziöse Wege und vertraute keineswegs auf ‚Des Kaisers neue Kleider’ (Hans-Christian Andersen hatte ja nie ein Hehl daraus gemacht, dass sein Märchen bloß eine Geschichte aus dem Buch „El Conde Lucanor“, 1335, variierte), sondern ließ sich seine glänzenden Rüstungen, die eng taillierten Samtwamse und die hypertrophen Rüschen-Halskrausen von den allerfeinsten Ausstattern der ersten Adelshäuser maßfertigen und freilich auch - ohne auch nur einen lumpigen Heller zu vergeuden – einfach unter der Hand zustecken! Ähnlich, wie später beim Dandy Beau Brummel zogen gut fünf Stunden ins Land, eh der eitle Tropf ausgehfertig war. Im letzten Schliff spießte er noch eine skurrile Brosche an die schmächtige Brust. Darauf prangte in riesigen Gold-Lettern: K-H! Kleider und Embleme machten eben erst Leute, dachte der schlichte Provinzler! Auch im Pekuniären fand er sich bald blind zurecht: In Windeseile internalisierte er sämtliche Kniffe, Finten und Untergriffe, um möglichst diskret am Geld fremder Leute zu partizipieren! Bei dieser Art der Bereicherung spielte der Gottseibeiuns des ‚Fremden’ freilich keine Rolle mehr…
In jenen Tage marodierte auch ein ehrgeizzerfressener, schwarzer Ritter, Wolf der Kurze (ja ja, just wie Pippinus brevis, Pippin der Kurze) durch die vom roten Adel beherrschten Nachbarprovinzen und hätte Drehleier, Zeichenfeder, Stockzahn und selbst seine Großmutter geopfert, bloß um selbst einmal im Machtrausch zu delirieren! Doch die Lage im Lande schien aussichtslos: Bodo-Jörgs ‚nationalsoziale’ Seelen-Plünderer unterwanderten zwar die roten Fürsten brachial, schwächten jedoch zugleich auch den schwarzen Ritter. Und so blieben dem Kurzen (was kümmerten einen wie IHN schon die Gebote Gottes?!)nur noch Verschlagenheit, List und Lüge: Während er also noch den erklärten Erzfeind, die roten Ritter, mit salbungsvollen Subordinationsgesten in Sicherheit wiegte, konspirierte er schon – gemeinsam mit seinem salbungsvollen Schildknappen vom Bartenfels - in den Kasematten der schwarzen Burg mit dem - als Bettelmönch verkleideten – unabdingsbaren Truppen-Sukkurs Bodo-Jörg. An den absoluten Tiefpunkt jeglicher Moral abgesackt, machte er seinen Steigbügelhalter auch noch zum Spießgesellen, allein um mit dem Rückenwind des kardinalsroten Klerus’ die – längst unter einem blaßrosa Banner geschwächten - Ritter vom selbstherrlichen Thron ins Verlies der Verlierer zu stürzen…
Doch mit dem wankelmütigen Windbeutel Bodo-Jörg war kein rechter Staat zu machen. Jessasmariaundjosef, nicht einmal recht ein rechter! Immer mehr haltlose Weibsteufeln hatten sich in den – sich bislang ja bevorzugt wechselseitig von hinten deckenden - Männerbund eingeschlichen und logen und hinterzogen geradeso, wie ihre männlichen Vorreiter. Mit treuherzigem Augenaufschlag ließen sie sich exaltierte Abendroben, hochhackige Schnür-stiefeletten und verschwenderisch bestickte Satteltaschen mit Gold- und Diamantspangen aus der klammen Kriegskassa Bodo-Jörgs erstatten.
Als dann auch noch bei einem allzu vielstimmigen Sängerfest zu Styria die gräßliche Dissonanz im Böse-Buben-Bund unüberhörbar wurde, kapierte der wendige Karl-Heinz als Erster, wo doch noch ein apartes Afterlehen zu ergattern wäre: Über Nacht lief er mit fliegenden Fahnen zum Kurzen über. Jener – selbst ja eher fern der Strahlkraft eines David von Michelangelo – gedachte, Karl-Heinz als wohlfeiles Adonis-Surrogat für Waschweiber, Marktschreierinnen und Edel-Metzen zu instrumentalisieren, um so das gewaltige Potenzial an Weiberleut’ im Reich auszuschöpfen. Und so geriet Karl-Heinz zum Acquisiteur-Gigolo im eiskalten Kalkül des Kurzen. Karl Heinz nutzte freilich auch seinerseits die Gunst der Stunde und griff mit beiden Händen zu! Inzwischen zu höheren Weihen, nämlich zum Reichs-Säckelwart avanciert, ließ der zielstrebige Parvenü aus ferner Fremde anmutige Maiden ankarren, die ihm am Schreibtisch, in der Teeküche, im Bad und im Boudoir zudiensten waren. So begab sich das Paradoxon, dass der geile Hypokritiker von den verbotenen Früchten naschte, die er gegenüber seiner dumben Mitläuferschaft stets verteufelt hatte. Der (damals freilich noch völlig unbekannte) sogenannte ‚Mitläuferneffekt’ darf ja auch so interpretiert werden: Wo schon Dorftrotteln sind, laufen noch Dorftrotteln zu!
Zudem verwöhnten zahllose Wahl-Oheime den mittlerweilen recht einflußreichen Emporkömmling mit gönnerhaft geliehenen Luxuskarossen: Und so begab es sich, dass eine der unseligen Verstossenen während einer Eifersuchts-Kutschenraserei durch Nacht und Wind um ein Haar zutode gekommen wäre. Die rasende Nobelkalesche eines ‚Oheims’ war in eine Vorstadt-Eiche gedonnert, während das schlingernde Schimmel-Gespann in Panik davonjagte. Junker Karl-Heinz zuckte bloß seine Karaffen-Schultern (was jedoch unter seiner Rüstung keiner bemerkte), ließ per Per-pedes-Boten einen struppigen Strauß Wiesenblumen ans Lazarett-Bett liefern und flatterte zur Nächsten weiter, die ihm irgendwie von Nutzen sein konnte…
Doch à la longue lenkten all diese Amouren allzu sehr vom Essentiellen ab, – von Karl-Heinz selbst nämlich! Also ließ er sich, – im Kerker seiner manischen Affektiertheit schmachtend – von der elitären Tafelrunde der begütertsten Fürsten bei Hofe ein fantastisches Spiegelkabinett ein- und ausrichten, dessen filigran-venezianische Glaskapriziositäten ihn vom Scheitel bis zur Sohle umhüllen sollten: Noch nie gesehen in jenen Tagen, warfen selbst Fußboden und Decke sein – stets in späterer Dorian-Gray-Manier angehimmeltes - Götterbild ins selig schimmernde Auge zurück! Eigentlich hätte er ja im Sold des Kurzen seine generösen Gönner an die Kandare nehmen sollen, doch das üppige Füllhorn ihrer stetigen Aufmerksamkeiten stimmten Karl-Heinz milde und machten die pfiffige Tafelrunde immer reicher und noch reicher! Schließlich war Karl-Heinz ausschließlich mit sich selbst beschäftigt. Aus dem ganzen Königreich ließ er die berühmtesten Künstler herbeizitieren, um sein Konterfei in bis dato ungekannter 360°-Perspektive unters Volk zu bringen. Ganze Heerscharen berittener Herolde kündeten aus dem Stegreif (‚aus dem Stegreif’ rührt ja daher, dass die Sprachrohre der Lehensherren deren Botschaften ‚im Steigbügel stehend’ verlaubarten) von der geradezu göttlichen Herrlichkeit des Karl-Heinz. (Jahrhunderte später, in der trivial-virtuellen Welt, sollte man derlei Selbstbespiegelung Homepage nennen.)
Nun, endlich am Zenith seiner Machtfülle angelangt, stieß Karl-Heinz zunächst einmal erkleckliche Teile des königlichen Goldschatzes (Mißgünstlinge sprachen vom Verscherbeln des Hofsilbers) ab, um den Prunk bei Hofe noch umfassender in Goldflitter zu tauchen! Fürs gemeine Volk fielen von den rauschenden Festen der feisten Fürsten freilich nicht einmal mehr Krümeln ab. Während also die kaiserliche Entourage und all die sonstigen Protegés geradezu im schäumenden Mammon-Meer ersoffen, krümmte sich das darbende Volk auf dem Trockenen!
Im Machtrausch außer Rand und Band geraten, wies Wolf der Kurze sein Werkzeug Karl-Heinz an, auch noch gewaltige Teile der königlichen Ländereien unter den Hammer zu bringen! Gierige Fürsten aus nah und fern buhlten um den Zuschlag der lukrativen Güter! Doch im engen Netz von wechselseitigen Gefälligkeiten und Abhängigkeiten war Karl-Heinz schon dem finsteren Fürsten Petriko vom vielgepriesenen Mustergut ImmoDenare verpflichtet und so setzte er seine – ihm ihrerseits wiederum verpflichteten - Schildknappen Meischi (seine Vorfahren betrieben vermutlich eine rurale Brannteweinerei) Muhrli und Plechi (nützliche Hofschranzen) und Hohi (eventuell so einer aus verarmtem Landadel) in Marsch, um die rivalisierenden Fürstenhäuser aus dem Rennen zu schlagen! Dazumalige Konfidenten sollten post festum erklären, dass alles schon ex ante ein „abgekartetes Spiel“ gewesen sei. Gezielte Indiskretionen aus dem Innersten des Säckelwartsamts sollten die petite Petite diskret besiegeln. Während also Karl-Heinz gerade wieder einmal den rassigen Reizen einer osmanischen Çay-Köchin erlag, blinzelte der Spionsanwärter Meischi verstohlen in die – freilich noch in kratzigem Federkiel-Stil verfaßten – Geheimdokumente der anderen (Ge)bieter und schon hatte er den ‚superprofessionellen’ (Dictum Karl-Heinz; eine fürs Mittelhochdeutsche höchst erstaunliche Wortkapriole) Kuhhandel felsenfest im Griff! Der Rest war ein Kinderspiel: Ein berittener Bote hatte bloß noch bei Nacht und Nebel Fürst Petriko das Offert des bis zuletzt verbliebenen Rivalen zu stecken! In detaillierter Kenntnis des Konkurrenzanbots mußte dieser - bei dem gewaltigen Geschäftsvolumen von einer Milliarde Dukaten (!) - also bloß noch ein güldenes Zigeuner-Ohrringerl seiner Kokotte obendrauflegen, um die enormen Ländereien als beispiellose Mezzie an sich zu reissen… Amtsnachfolger sollten später aufdecken, dass das beträchtlich Erbe auch noch weit unter Wert verschleudert worden war! Zum Schaden aller Stände! Doch den Egomanen Karl-Heinz focht auch der Vorwurf der Untreue im Reichs-Amt niemals an…
Zum Schaden der Spitzbuben Meischi und Hohi sollte die ‚abgekartete’ Verschwörung von höchster Stelle nicht sein: Prompt kassierten sie eine pralle Schatztruhe, gefüllt mit fürstlichen 10 Millionen Dukaten Schweigegeld, die aus verständlichen Kospirationsgründen zunächst auf ein levantinisches Eiland verschifft wurde, um von dort auf krummen Wegen schließlich in den Satteltaschen der nützlichen (?; und wenn ja, wobei?) Finsterlinge zu landen. Ganz Parvenü von niedrigem Stand, ließ sich Branntewein-Meischi freilich stante pede ein pompöses Schloß in adeliger Bestlage errichten… Wie Karl-Heinz (und der Rest der perfiden ‚Anständigen-Fleißigen-Tüchtigen-Truppe’) wollte sich ja auch er schon immer bloß in Glanz und Gloria der Schönen, Reichen und Mächtigen suhlen… Bei aller Xenophobie – beim Partizipieren, bar aufs Handerl, war ihm das geächtete ‚Fremde’ niemals fremd!
Doch Gottes (Gottglaube war dazumals ja noch absolutistischer Imperativ) Mühlen mahlen langsam. Das vermeintliche Mustergut ImmoDenare wurde bald darauf als hochstaplerische Räuberhöhle enttarnt: Kaum je hatte es auch nur den Obulus an den Kaiser entrichtet und darüber hinaus seine stillen Teilhaber massenweise ins Verderben gestürzt! Im Zuge einer Revision flogen auch die klammheimlichen Zuwendungen an Meischi und Hohi (die gleichfalls nie dem Kaiser gegeben hatten, was des Kaisers ist!) auf. Doch de-ren Spinnennetz-Polit-Mesalliancen mit den nach wie vor mächtigen Mitwissern werden ihnen bestimmt ein gar schreckliches Schicksal im Schuldturm ersparen…
Später mußte Wolf der Kurze ins Exil flüchten und ergo endete auch das Höhenflugs-Strohfeuer seines Günstlings Karl-Heinz abrupt! Doch keine Sorge, ihr Marktweiber, Bäuerinnen, Kokotten: Der flexible Wendehals wechselt seine Gönner ja ebenso behende, wie Panzerhemden und Stuartkragen! Zwar versuchte der über Nacht landesweit entbehrlich Gewordene noch verzweifelt, allen möglichen Fürstenhäusern die ‚superprofessionellen’ Meriten seines ‚hyperelastischen’ Rückgrats anzudienen, doch die lehnten indigniert ab! Hatten sich doch in jener ehrlosen Ära ohnehin schon Opportunisten ohne Zahl bei Hofe eingeschlichen… Allein ein – zum windigen Geldwechsler heruntergekommener - Abkömmling einer Kaffee-Dynastie von einst makellosem Ruf sicherte sich kurzfristig die flotten Falotten-Qualitäten des gestrauchelten Hans Dampfs in allen Gassen…
Doch schon zuvor hatte der elastische Blender das dräuende Desaster des schweigsamen Kurzen beizeiten gewittert und prophylaktisch schon einmal ein außerpolitisches Afterlehen angepeilt: Ohne viel Federlesens heiratete er in eine der wohlhabendsten Dynastien des Königreichs ein. In irgendeinem Bett findet der findige Opportunist halt immer Nestwärme – sei es in der Politik, im Konkubinat oder eben im ‚heiligen Bund’! Und was so ein (r)echter Karl-Heinz ist, geht niemals unter…
Dennoch holen den wahllosen Tempelhüpfer zwischen allen Polit-Positionen nun die Untaten seiner ebenso verfilzten, wie egomanischen Amtsführung ein! Unterm Schafott wird der Galgenstrick wohl dennoch nicht landen, auch wenn unser tragisches Märchen im Mittelalter spielt. So ein notorischer ‚Schnittling auf jeder Suppe’ hat unter Garantie auch noch mit dem Henker eine alte Rechnung offen…
Nun, ihr Bauern, Bürger, Lehensherren - inzwischen sollte es sich ja zu allen Ständen durchgesprochen haben: In finsteren Zeiten bleiben die Aus- und Einsichten eben immer im Dunkeln…
In jenen unsteten Tagen trieb auch ein zugereister Gaukler und Scharlatan namens Bodo-Jörg sein unflätiges Unwesen im Lande. Manisch zog es den demagogischen Rattenfänger von Marktplatz zu Marktplatz, vom Gejohle der mordlustigen Plebs an den Blutgerüsten immer weiter in die düsteren Spelunken des Glacis’, um die brannteweingetränkten Schlichten und Deklassierten – besser noch, gleich all die Dorftrotteln - um sich zu scharen, indem er sie wortreich zu den einzig Anständigen, Fleißigen und Tüchtigen adelte! Dergestalt verlieh er den privileglosen Ständen eine billige Illusion von Zugehörigkeit, Bedeutung und Selbstachtung! Mit den wahren Peinigern jener finsteren Tage, dem Klerus und dem Adel, wollte sich der selbsternannte Mittelalter-Messias nicht anlegen, – vielmehr setzte er auf ein offenbar deppensicheres Rezept: die gebetsmühlenartige Desavouierung alles Fremden! Jeder, der nicht aus der seenreichen, von gewaltigen Bergmassiven eingekesselten, Zwergprovinz stammte, wurde umstandslos zum Untermenschen gestempelt!In der sinistren Absicht zur totalen Volksverhetzung streifte er sogar seine ursprünglichen Provenienz ab, imitierte gar den Zungenschlag seiner frisch rekrutierten Mitläufer und wurde so bald selbst für einen der ihren gehalten. Auf diese wundersame Weise machten die ungebildeten Fremdenhasser einen selbst Fremden zu ihrem umjubelten Anführer! Führer, befiehl! Wir folgen dir!
Im bedingungslosen Aufstiegswillen von Junker Karl-Heinz fand Bodo-Jörg den Prototyp des nützlichen Apologeten. Mit seinem stets akkurat frisierten Pagenkopf zog er alle potentiellen Schwiegermütter ohn Verzug in seinen Bann – von der Magd bis hin zur Fürstin! (Der Provinz-Demagoge selbst kultivierte ja lieber seine ergebene Pagen-Partie und konnte dem Werben der wogenden Weiber wenig abgewinnen.) Das ideologiefrei-grinsende Aushängeschild Karl-Heinz sollte die perfiden Pläne seines Herren und Meisters camouflieren. Und so schickte er den geschmeidigen Vasallen weit über die Lande, um immer noch mehr xenophobe Gefolgsleute zusammenzutrommeln. (Die Nachfahren späterer Jahrhunderte sollten sowas dann Road-Show nennen.) Auch in Ankleidefragen ging Karl-Heinz kapriziöse Wege und vertraute keineswegs auf ‚Des Kaisers neue Kleider’ (Hans-Christian Andersen hatte ja nie ein Hehl daraus gemacht, dass sein Märchen bloß eine Geschichte aus dem Buch „El Conde Lucanor“, 1335, variierte), sondern ließ sich seine glänzenden Rüstungen, die eng taillierten Samtwamse und die hypertrophen Rüschen-Halskrausen von den allerfeinsten Ausstattern der ersten Adelshäuser maßfertigen und freilich auch - ohne auch nur einen lumpigen Heller zu vergeuden – einfach unter der Hand zustecken! Ähnlich, wie später beim Dandy Beau Brummel zogen gut fünf Stunden ins Land, eh der eitle Tropf ausgehfertig war. Im letzten Schliff spießte er noch eine skurrile Brosche an die schmächtige Brust. Darauf prangte in riesigen Gold-Lettern: K-H! Kleider und Embleme machten eben erst Leute, dachte der schlichte Provinzler! Auch im Pekuniären fand er sich bald blind zurecht: In Windeseile internalisierte er sämtliche Kniffe, Finten und Untergriffe, um möglichst diskret am Geld fremder Leute zu partizipieren! Bei dieser Art der Bereicherung spielte der Gottseibeiuns des ‚Fremden’ freilich keine Rolle mehr…
In jenen Tage marodierte auch ein ehrgeizzerfressener, schwarzer Ritter, Wolf der Kurze (ja ja, just wie Pippinus brevis, Pippin der Kurze) durch die vom roten Adel beherrschten Nachbarprovinzen und hätte Drehleier, Zeichenfeder, Stockzahn und selbst seine Großmutter geopfert, bloß um selbst einmal im Machtrausch zu delirieren! Doch die Lage im Lande schien aussichtslos: Bodo-Jörgs ‚nationalsoziale’ Seelen-Plünderer unterwanderten zwar die roten Fürsten brachial, schwächten jedoch zugleich auch den schwarzen Ritter. Und so blieben dem Kurzen (was kümmerten einen wie IHN schon die Gebote Gottes?!)nur noch Verschlagenheit, List und Lüge: Während er also noch den erklärten Erzfeind, die roten Ritter, mit salbungsvollen Subordinationsgesten in Sicherheit wiegte, konspirierte er schon – gemeinsam mit seinem salbungsvollen Schildknappen vom Bartenfels - in den Kasematten der schwarzen Burg mit dem - als Bettelmönch verkleideten – unabdingsbaren Truppen-Sukkurs Bodo-Jörg. An den absoluten Tiefpunkt jeglicher Moral abgesackt, machte er seinen Steigbügelhalter auch noch zum Spießgesellen, allein um mit dem Rückenwind des kardinalsroten Klerus’ die – längst unter einem blaßrosa Banner geschwächten - Ritter vom selbstherrlichen Thron ins Verlies der Verlierer zu stürzen…
Doch mit dem wankelmütigen Windbeutel Bodo-Jörg war kein rechter Staat zu machen. Jessasmariaundjosef, nicht einmal recht ein rechter! Immer mehr haltlose Weibsteufeln hatten sich in den – sich bislang ja bevorzugt wechselseitig von hinten deckenden - Männerbund eingeschlichen und logen und hinterzogen geradeso, wie ihre männlichen Vorreiter. Mit treuherzigem Augenaufschlag ließen sie sich exaltierte Abendroben, hochhackige Schnür-stiefeletten und verschwenderisch bestickte Satteltaschen mit Gold- und Diamantspangen aus der klammen Kriegskassa Bodo-Jörgs erstatten.
Als dann auch noch bei einem allzu vielstimmigen Sängerfest zu Styria die gräßliche Dissonanz im Böse-Buben-Bund unüberhörbar wurde, kapierte der wendige Karl-Heinz als Erster, wo doch noch ein apartes Afterlehen zu ergattern wäre: Über Nacht lief er mit fliegenden Fahnen zum Kurzen über. Jener – selbst ja eher fern der Strahlkraft eines David von Michelangelo – gedachte, Karl-Heinz als wohlfeiles Adonis-Surrogat für Waschweiber, Marktschreierinnen und Edel-Metzen zu instrumentalisieren, um so das gewaltige Potenzial an Weiberleut’ im Reich auszuschöpfen. Und so geriet Karl-Heinz zum Acquisiteur-Gigolo im eiskalten Kalkül des Kurzen. Karl Heinz nutzte freilich auch seinerseits die Gunst der Stunde und griff mit beiden Händen zu! Inzwischen zu höheren Weihen, nämlich zum Reichs-Säckelwart avanciert, ließ der zielstrebige Parvenü aus ferner Fremde anmutige Maiden ankarren, die ihm am Schreibtisch, in der Teeküche, im Bad und im Boudoir zudiensten waren. So begab sich das Paradoxon, dass der geile Hypokritiker von den verbotenen Früchten naschte, die er gegenüber seiner dumben Mitläuferschaft stets verteufelt hatte. Der (damals freilich noch völlig unbekannte) sogenannte ‚Mitläuferneffekt’ darf ja auch so interpretiert werden: Wo schon Dorftrotteln sind, laufen noch Dorftrotteln zu!
Zudem verwöhnten zahllose Wahl-Oheime den mittlerweilen recht einflußreichen Emporkömmling mit gönnerhaft geliehenen Luxuskarossen: Und so begab es sich, dass eine der unseligen Verstossenen während einer Eifersuchts-Kutschenraserei durch Nacht und Wind um ein Haar zutode gekommen wäre. Die rasende Nobelkalesche eines ‚Oheims’ war in eine Vorstadt-Eiche gedonnert, während das schlingernde Schimmel-Gespann in Panik davonjagte. Junker Karl-Heinz zuckte bloß seine Karaffen-Schultern (was jedoch unter seiner Rüstung keiner bemerkte), ließ per Per-pedes-Boten einen struppigen Strauß Wiesenblumen ans Lazarett-Bett liefern und flatterte zur Nächsten weiter, die ihm irgendwie von Nutzen sein konnte…
Doch à la longue lenkten all diese Amouren allzu sehr vom Essentiellen ab, – von Karl-Heinz selbst nämlich! Also ließ er sich, – im Kerker seiner manischen Affektiertheit schmachtend – von der elitären Tafelrunde der begütertsten Fürsten bei Hofe ein fantastisches Spiegelkabinett ein- und ausrichten, dessen filigran-venezianische Glaskapriziositäten ihn vom Scheitel bis zur Sohle umhüllen sollten: Noch nie gesehen in jenen Tagen, warfen selbst Fußboden und Decke sein – stets in späterer Dorian-Gray-Manier angehimmeltes - Götterbild ins selig schimmernde Auge zurück! Eigentlich hätte er ja im Sold des Kurzen seine generösen Gönner an die Kandare nehmen sollen, doch das üppige Füllhorn ihrer stetigen Aufmerksamkeiten stimmten Karl-Heinz milde und machten die pfiffige Tafelrunde immer reicher und noch reicher! Schließlich war Karl-Heinz ausschließlich mit sich selbst beschäftigt. Aus dem ganzen Königreich ließ er die berühmtesten Künstler herbeizitieren, um sein Konterfei in bis dato ungekannter 360°-Perspektive unters Volk zu bringen. Ganze Heerscharen berittener Herolde kündeten aus dem Stegreif (‚aus dem Stegreif’ rührt ja daher, dass die Sprachrohre der Lehensherren deren Botschaften ‚im Steigbügel stehend’ verlaubarten) von der geradezu göttlichen Herrlichkeit des Karl-Heinz. (Jahrhunderte später, in der trivial-virtuellen Welt, sollte man derlei Selbstbespiegelung Homepage nennen.)
Nun, endlich am Zenith seiner Machtfülle angelangt, stieß Karl-Heinz zunächst einmal erkleckliche Teile des königlichen Goldschatzes (Mißgünstlinge sprachen vom Verscherbeln des Hofsilbers) ab, um den Prunk bei Hofe noch umfassender in Goldflitter zu tauchen! Fürs gemeine Volk fielen von den rauschenden Festen der feisten Fürsten freilich nicht einmal mehr Krümeln ab. Während also die kaiserliche Entourage und all die sonstigen Protegés geradezu im schäumenden Mammon-Meer ersoffen, krümmte sich das darbende Volk auf dem Trockenen!
Im Machtrausch außer Rand und Band geraten, wies Wolf der Kurze sein Werkzeug Karl-Heinz an, auch noch gewaltige Teile der königlichen Ländereien unter den Hammer zu bringen! Gierige Fürsten aus nah und fern buhlten um den Zuschlag der lukrativen Güter! Doch im engen Netz von wechselseitigen Gefälligkeiten und Abhängigkeiten war Karl-Heinz schon dem finsteren Fürsten Petriko vom vielgepriesenen Mustergut ImmoDenare verpflichtet und so setzte er seine – ihm ihrerseits wiederum verpflichteten - Schildknappen Meischi (seine Vorfahren betrieben vermutlich eine rurale Brannteweinerei) Muhrli und Plechi (nützliche Hofschranzen) und Hohi (eventuell so einer aus verarmtem Landadel) in Marsch, um die rivalisierenden Fürstenhäuser aus dem Rennen zu schlagen! Dazumalige Konfidenten sollten post festum erklären, dass alles schon ex ante ein „abgekartetes Spiel“ gewesen sei. Gezielte Indiskretionen aus dem Innersten des Säckelwartsamts sollten die petite Petite diskret besiegeln. Während also Karl-Heinz gerade wieder einmal den rassigen Reizen einer osmanischen Çay-Köchin erlag, blinzelte der Spionsanwärter Meischi verstohlen in die – freilich noch in kratzigem Federkiel-Stil verfaßten – Geheimdokumente der anderen (Ge)bieter und schon hatte er den ‚superprofessionellen’ (Dictum Karl-Heinz; eine fürs Mittelhochdeutsche höchst erstaunliche Wortkapriole) Kuhhandel felsenfest im Griff! Der Rest war ein Kinderspiel: Ein berittener Bote hatte bloß noch bei Nacht und Nebel Fürst Petriko das Offert des bis zuletzt verbliebenen Rivalen zu stecken! In detaillierter Kenntnis des Konkurrenzanbots mußte dieser - bei dem gewaltigen Geschäftsvolumen von einer Milliarde Dukaten (!) - also bloß noch ein güldenes Zigeuner-Ohrringerl seiner Kokotte obendrauflegen, um die enormen Ländereien als beispiellose Mezzie an sich zu reissen… Amtsnachfolger sollten später aufdecken, dass das beträchtlich Erbe auch noch weit unter Wert verschleudert worden war! Zum Schaden aller Stände! Doch den Egomanen Karl-Heinz focht auch der Vorwurf der Untreue im Reichs-Amt niemals an…
Zum Schaden der Spitzbuben Meischi und Hohi sollte die ‚abgekartete’ Verschwörung von höchster Stelle nicht sein: Prompt kassierten sie eine pralle Schatztruhe, gefüllt mit fürstlichen 10 Millionen Dukaten Schweigegeld, die aus verständlichen Kospirationsgründen zunächst auf ein levantinisches Eiland verschifft wurde, um von dort auf krummen Wegen schließlich in den Satteltaschen der nützlichen (?; und wenn ja, wobei?) Finsterlinge zu landen. Ganz Parvenü von niedrigem Stand, ließ sich Branntewein-Meischi freilich stante pede ein pompöses Schloß in adeliger Bestlage errichten… Wie Karl-Heinz (und der Rest der perfiden ‚Anständigen-Fleißigen-Tüchtigen-Truppe’) wollte sich ja auch er schon immer bloß in Glanz und Gloria der Schönen, Reichen und Mächtigen suhlen… Bei aller Xenophobie – beim Partizipieren, bar aufs Handerl, war ihm das geächtete ‚Fremde’ niemals fremd!
Doch Gottes (Gottglaube war dazumals ja noch absolutistischer Imperativ) Mühlen mahlen langsam. Das vermeintliche Mustergut ImmoDenare wurde bald darauf als hochstaplerische Räuberhöhle enttarnt: Kaum je hatte es auch nur den Obulus an den Kaiser entrichtet und darüber hinaus seine stillen Teilhaber massenweise ins Verderben gestürzt! Im Zuge einer Revision flogen auch die klammheimlichen Zuwendungen an Meischi und Hohi (die gleichfalls nie dem Kaiser gegeben hatten, was des Kaisers ist!) auf. Doch de-ren Spinnennetz-Polit-Mesalliancen mit den nach wie vor mächtigen Mitwissern werden ihnen bestimmt ein gar schreckliches Schicksal im Schuldturm ersparen…
Später mußte Wolf der Kurze ins Exil flüchten und ergo endete auch das Höhenflugs-Strohfeuer seines Günstlings Karl-Heinz abrupt! Doch keine Sorge, ihr Marktweiber, Bäuerinnen, Kokotten: Der flexible Wendehals wechselt seine Gönner ja ebenso behende, wie Panzerhemden und Stuartkragen! Zwar versuchte der über Nacht landesweit entbehrlich Gewordene noch verzweifelt, allen möglichen Fürstenhäusern die ‚superprofessionellen’ Meriten seines ‚hyperelastischen’ Rückgrats anzudienen, doch die lehnten indigniert ab! Hatten sich doch in jener ehrlosen Ära ohnehin schon Opportunisten ohne Zahl bei Hofe eingeschlichen… Allein ein – zum windigen Geldwechsler heruntergekommener - Abkömmling einer Kaffee-Dynastie von einst makellosem Ruf sicherte sich kurzfristig die flotten Falotten-Qualitäten des gestrauchelten Hans Dampfs in allen Gassen…
Doch schon zuvor hatte der elastische Blender das dräuende Desaster des schweigsamen Kurzen beizeiten gewittert und prophylaktisch schon einmal ein außerpolitisches Afterlehen angepeilt: Ohne viel Federlesens heiratete er in eine der wohlhabendsten Dynastien des Königreichs ein. In irgendeinem Bett findet der findige Opportunist halt immer Nestwärme – sei es in der Politik, im Konkubinat oder eben im ‚heiligen Bund’! Und was so ein (r)echter Karl-Heinz ist, geht niemals unter…
Dennoch holen den wahllosen Tempelhüpfer zwischen allen Polit-Positionen nun die Untaten seiner ebenso verfilzten, wie egomanischen Amtsführung ein! Unterm Schafott wird der Galgenstrick wohl dennoch nicht landen, auch wenn unser tragisches Märchen im Mittelalter spielt. So ein notorischer ‚Schnittling auf jeder Suppe’ hat unter Garantie auch noch mit dem Henker eine alte Rechnung offen…
Nun, ihr Bauern, Bürger, Lehensherren - inzwischen sollte es sich ja zu allen Ständen durchgesprochen haben: In finsteren Zeiten bleiben die Aus- und Einsichten eben immer im Dunkeln…
