Montag, November 07, 2011

SPARSTRUMPF

Sobald die trüben Tage kürzer und die langen Nächte kühler werden, spricht zur rituellen Vesper-Schreibstunde auch der Rauchzeichner zwecks Seelenerwärmung schon mal einem Steifen Grog zu. Weil dieser aber – wie der Volksmund weiß – schon kalt ist, ehe er in den unteren Extremitäten ankommt, machte sich der Autor dieser Zeilen jüngst auf die Socken zu seinem Schrankraum…

Doch kaum - zwecks Kramens nach wolliger Winterware - dem Spiegelschrank genähert, fühlte er sich abrupt in den Wiener Wurstlprater versetzt: Die reflektierende Front war zu grotesken Zerrspiegeln aufgeblählt und an den knirschenden Scharnieren quoll das alte Nussholz schon aus allen Nähten. Welch titanische Geheim-Mächte mochten sich da wohl an dem unschuldigen Möbel vergangen haben? Sakkoärmel mit aufgedröselten Lederflicken drängten dermaßen ungestüm ins Freie, dass ihre Zierknöpfe barsten, schillernde Giletseide ward von gefährlich angespitzten Holzsplittern erdolcht, vielfach verknotete Hosenbeine hatten sich zu dramatischen Denim-Plastiken aufgetürmt, indonesische Sarongs, afghanische Seitenknöpfer-Hemden, türkische Pluderhosen, sowie maghrebinische Kaftane waren zu einer orientalischen Farben-Kaskade verschwommen, - ein bizarrer Modemix aus gehüteten Fernreise-Reminiszenzen früherer Tage…

Was mochte nur geschehen sein? War der Klimawandel nun schon von den inkontinenten Polkappen bis in harmlose Schränke zentraleuropäischer Haushalte vorgedrungen? Schickten sich nun die extremen Temperaturschwankungen - wie seinerzeit in der Sahara oder der Wüste Gobi – auch hierorts schon an, die CO2-Chaoten Mores zu lehren? Oder hatten sich gar übermütige, extraterrestrische Existenzen versehentlich auf unseren untergehenden Blauen Planeten verirrt? Rätsel über Rätsel!

Doch urplötzlich enthüllte der Möbel- und sogar schon Gebäude-sprengende Übeltäter seine Phantom-der-Oper-affine Fratze: Diese uralte – an sich längst aussortierte - feuerrote Ski-Socke hatten sich im Schutz jahrelanger Dunkelhaft zum monströsen Format einer hundertjährigen, deutschen Eiche aufgeplustert! Wie in aller Welt konnte das nur geschehen? Déjà-vu! Die Langzeit-Erinnerung stirbt ja zuletzt: Vor Jahrzehnten, also in jenen Tagen, als die Banken auch noch die allerwinzigsten Zinszahlungen an die Sparer eingestellt hatten, weil sie jeden Cent für ihre kriminellen Luftgeschäfte benötigten, hatte der Rauchzeichner – weils eh scho wurscht war, wo die Marie versauerte - ein klitzekleines Sparstrümpflein mit ein paar Netsch bestückt. Und gleich auch wieder vergessen!

Dabei hatte er in der Klausur seiner stets streng philosophischen Disziplinen die ruinöse Sprengkraft des exponentiellen Expansionszwangs der modernen Finanz-‚Industrie‘ – die sich ja indes der Welt bemächtigt hatte - sträflich unterschätzt. Denn längst hatte sich selbst das – von einer geschmierten Politik sämtlicher Fesseln entledigte - Bankwesen fließbandmäßig organisiert! Dementsprechend rekrutierte es auch seine unbedarften Keiler-Truppen, quasi die externen Billig-Büttel für den schweren, gewerbsmäßigen Betrug: Und so avancierten intellektuell benachteiligte Billeteusen, maseratigeile Automechaniker, (botox)g’spritzte Hobby-Huren, versoffen-verkrachte Versicherungs-Makler, seitenblickesüchtige ‚Star‘-Friseusen und verschwitzte Fitness-Trainer über Nacht zu Finanzberatern! Zu sehr lockte die Gier nach dem sorglos vazierenden Mittelstands-Vorsorge-Polsterl. Und so trachteten die mittelkleine Frau und der mittelkleine Mann danach, dem kleinen, miefigen Kosmos des Weltspartags zu entfliehen, um auch einmal am schillernden Glamour des verruchten Börsen-Parketts zu schnuppern. Und, im Profit-gebärfreudigen Schoß des Kasino-Kapitalismus‘ hatte eine neue Generation maliziös feixender Bankster den übermütigen Parvenüs ein ganzes Potpourri hochriskanter Wundertüten abgepackt, und in altruistischer Heilsbringer-Pose aufgeschwatzt. Zockten die (Londoner) ‚Cityboys‘ und all die anderen Alchemisten doch nach derselben, schlichten Geheimformel: ‚Heiße Luft + Deppen + Märkte = Geldregen‘! Und schon ward die größte Vermögens-Umverteilungs-Maschine der Menschheit ent- und angeworfen! Wobei sich die Vermögen ja nicht entmaterialisierten, – sondern bloß in fremden Taschen landeten! Doch weit geschützter noch, auf mysteriöse Weise und geradezu epidemisch vermehrte sich Geld quasi aus sich selbst, wenn man um die Banken einen entsprechend großen Bogen machte!

Individualistische Glücksritter huldigten ihren handgestrickten Illusionen:

Magst am Beutel nicht erkranken,
Sag Adieu den Zocker-Banken,
Raus auf die Piste, rein in die Hocke,
so bleibt das Knödl in der Socke!

Und genau dieses – vorweihnachtlich-wundersame - Phänomen war offenbar auch meiner abgelegten Ski-Socke widerfahren: Im Advent barg die unverwüstliche Strickware ebenso plötzlich, wie unverhofft schlanke 55,5 Milliarden Euro! Ein Wunder? Papperlapapp: simple Finanz-Mathematik! Luft + noch mehr Luft + Zeit = kleines Vermögen! Allerdings, angesichts der Aberbillionen, mit welchen heutzutage jongliert wird, auch bloß der Inhalt einer Portokassa, - doch für ein vergnügliches, verlängertes Wochenende dürfte es wohl reichen! Da wird der verblüffte Socken-Entdecker – selbst noch ganz von den Socken – seine näheren Zukunftspläne wohl geringfügig überdenken müssen…

Ein ganz ähnlicher Fund war ja dieser Tage auch dem an sich grundsoliden und erzpeniblen Oberbuchhalter, Schwaben-Wolfgang, widerfahren! Erwies sich der Pfennigfuchser doch als ähnlich unbedarft, wie meine rote Socke! Zunächst mochte er ja seinen Augen nicht trauen, doch dann fiel es ihm wie Schuppen von denselben! Der Unselige heißt übrigens mit vollem Namen Wolfgang Schäuble und ist deutscher Finanzminister. In dieser Zeit zwar auch nicht gerade der Traumjob, doch immerhin ist sein tagtäglicher Weg ins Büro mit stets taufrischen Finanzleichen und infolgedessen mit wachsenden Elends-Heeren gepflastert: Bereits 2009 etwa – infolge des Lehman-Crashs, 2008 - mußte der Bund – recte der Steuerzahler also - die bankrotte Münchner Hypo Real Estate übernehmen. Der neue Eigentümer wies dem damals jüngsten Kollateralschaden der Weltwirtschaftskrise sogleich die Rolle einer Bad Bank zu. Sodann verbannte der schwäbische ‚Django‘ das verlotterte Bankhaus – so wie die Hurenhäuser im Wilden Westen - an den staubigen Ortsrand von Sin-City und zwang (eher unchristlich) einen schwarzen Shoeshine-Boy über seine staubigen Cowboy-Stiefeln! Überall in Sin-City hingen bereits die Steckbriefe der flüchtigen Bankster-Bande! Bloß jetzt keine Lynchjustiz aufkeimen lassen, doch immerhin Klartext zu diesen Drecksocken: „Du vermaledeiter Hundesohn“, kläffte Schäuble die ehrlose, doch schließlich von ihm selbst in die Welt geworfene, Bad Bank an, „bis in dein Leichentuch hinein wirst du nun den papierenen Scheißdreck der anderen, verhurten Viehdiebe zu fressen kriegen! Bei allem Brechreiz all diesen fauligen Abschaum von C(redit)D(default)S(waps) & Co schlucken! Runter mit dem giftigen Aas, du läufige Hyäne, eh‘ wir dich in aller Stille auf Staatskosten in die ewigen Jagdgründe schicken, – auf dass wir zumindest die anderen Hurensöhne in trockene Tücher gepackt kriegen!“ Tja, wer hätte das gedacht?! So mäßig euphemistisch, ja geradezu unverblümt spricht sich‘s in den diskreten Séparées, gleich hinterm öffentlich zugänglichen Saloon: Im Wilden Westen geradeso, wie im noch weit wilderen Kasino-Kapitalismus…

Doch besonders brutal getretene Köter entringen ihrem verkrümmten Gedärm oft noch mysteriöse Wundergaben: Und so spie und schiss die ekelige Drecksbank HRE plötzlich über Nacht 55,5 Milliarden aus! Noch so ein Weihnachtswunder? Ach was, – alles bloß simple Finanz-Arithmetik: Sheriff Schäubles Super-Deputies hatten schlicht Plus mit Minus verwechselt. Es is halt heut’z’Tag überall a G’wirks mit’n Personal! – Wie hatte doch schon der alte Lenin einmal en passant fallen gelassen: Das Proletariat muss nicht unbedingt interpolieren können, doch die Grundrechnungsarten sollte es schon beherrschen.

Für allerhöchstdotierte Bad-Bankster gilt das wohl nicht mehr…

Für den knausrigen Schwaben-Wolfgang ist die späte Korrektur seiner grotesken Bilanz-Panne ja auch keine rechte Mezzie: Senkt sie doch die deutsche Staatsschuldenquote für 2011 bloß von 83,7% auf gerade einmal 81,1%! A scho wås… Wo sich der überfahrene Sparefroh nun auch noch von der Opposition hänseln lassen muss: "Das ist kein Betrag, den die schwäbische Hausfrau in einer Keksdose versteckt und vergisst."

Der agnostische SPDler Oppermann hat freilich von der Geldwandlung geradezu biblischen Ausmaßes von Miesen in Aktiva keine Ahnung. Wahrscheinlich hat der Nebochant noch nicht einmal etwas von des Rauchzeichners monströser Socke gehört!

Dessen Bilanz fällt nämlich entschieden lukrativer aus: Stehen doch seinen 55,5 Milliarden gar keine Miesen gegenüber. Völker, vergesst die Keksdosen! Wiederentdeckt alte Socken! Und so erfreut sich der Rauchzeichner an seinem unverhofft so prall wiederaufgetauchten Füllhorn und wird nun wohl ein marginales Schreib-Sabbatical einlegen, – naja, sagen wir halt mal – bis zu seinem Hunderter, - im Jahr 2050! Etwaige Beschwerden sind direkt an eine beliebige Bad Bank, oder wahlweise gleich ans Salzamt, zu richten…

Ach ja, übrigens: Ist da jemand? Ist da noch irgendjemand, der etwas gegen Rote Socken hat?!